Meine Kinderjahre in Grünhartau

Ich (Ernst Burghardt) 1927 geboren, möchte über meine Erlebnisse berichten.

Da Grünhartau ein Bauerndorf war, lebten und arbeiteten die meisten Bewohner in oder von der Landwirtschaft. Wir bewirtschafteten auch 8 ha Land und hatten ein Pferd, auch mal zwei. Die Arbeit wurde vorwiegend von unserer Familie gemacht. Ab Mitte November ging der Vater „Hausschlachten“. Die größeren Betriebe im Ort hatten mehrere Pferdegespanne, auch schon vereinzelt Buldogs, sowie Knechte und Mägde und ein Schweizer (Melker), der die Arbeit verrichtete. In diesem Bericht will ich auch versuchen den eventuellen Lesern, unseren Nachkommen mit keiner landwirtschaftlichen Kenntnis, die Begriffe und Tätigkeiten der damaligen Zeit, sowie einzelne schlesische Ausdrücke zu erklären oder zu verdeutlichen. Aber im Mittelpunkt sollten meine Erlebnisse aus den Kinderjahren stehen. Mit 15 (1942) ist man doch noch ein Kind aber mit 17 mussten wie schon tapfere Soldaten sein. Die zwei Jahre der Jugendzeit gehören einfach mit in den Bericht. Zeitzeugen leben noch und können diese Zeilen lesen und beurteilen. Meine Gedächtnislücken habe ich auch mit meinem Schulfreund Erich Fuchs besprochen.

Die Schulferien wurden damals nicht in die Urlaubs- sondern in die Erntezeit gelegt, damit wir Kinder fleißig mithelfen konnten. In der Getreidezeit wurde zum Beispiel folgendermaßen mit der Arbeit angefangen. Die reifen Getreidefelder wurden von den Männern mit der Sense angemäht und die Frauen nahmen dieses Getreide auf (abraffen) und legten es auf die Getreideseile, die wir Kinder vorher machten. Das ganze wurde zu einer Garbe zusammen gebunden und zu einer Puppe oder Stiege aufgestellt (Getreideseile wurden, aus einem handvoll Getreidehalmen überkreuz geknotet, gemacht). Das geht schnell, wenn man’s kann. Bei Gerste ging das nicht. Das Feld wurde rundherum angemäht, damit man dann mit dem Bindermäher (Binder) oder Flügelmaschine das Feld mähen konnte. Der Binder legte die fertiggebundenen Garben auf dem Feld ab und wir Kinder halfen wieder beim Aufstellen der Garben. In der gesamten Ernte gab es für uns Kinder für jedes Alter immer Arbeit. Mit der Flügelmaschine mähte man vorwiegend Gerste oder Hafer. Sie legte das ungebundene Getreide in Gelegen ab. Nach einer Trocknungszeit wurden diese Gelegen ganz früher auf Strohseile, später auf Hanfseile gelegt, gebunden auf den Leiterwagen geladen und in die Scheune gefahren (Die Strohseile machte man schon in der Scheune aus Roggenstroh, was mit dem Flegel gedroschen wurde. Auch in unseren Betten waren Strohsäcke anstatt Matratzen. Die wurden auch mit dem Flegel gedroschenem Stroh gefüllt [gestopft] und jeden Tag aufgeschüttelt, damit man weich lag). Die mit dem Binder gemähten Garben wurden zu Puppen aufgestellt. Etwa 10 Garben werden rund aufgestellt und die Stiege längs gestellt. Nach einer Zeit der Nachreife und Trocknung werden sie auch in die Scheune gefahren (eingefahren). Getreidekörner sind mit 15% Feuchtigkeit trocken und lagerfähig. Ich schätze, dass mit dem Binder das Getreide mit ca. 18% Feuchtigkeit gemäht wurde. Deshalb das Aufstellen und Trocknen. Bei 15% und weniger gibt es beim mähen mit dem Binder oder Hand zu viel Verluste, die Körner fallen aus.

Heute (2007) wird das Getreide mit dem Mähdrescher mit 15% und weniger gemäht. Die Körner fallen gleich in den Mähdrescher. Ist es feuchter, werden die Körner gegen Abzug getrocknet, zum Mahlen aber wieder angefeuchtet. Beim Aufladen des Getreides auf den Leiterwagen durften wir Kinder so um die 10 Jahre auf dem Pferd reiten und den Wagen von einer Puppe zur anderen weiterfahren (vorrücken). Das musste aber auch vorsichtig geschehen; das heißt, langsam fahren, damit die Garben und der Lader (der die Garben hinlegt) nicht vom Wagen fällt. War das Kind ein guter Kutscher, konnte es auch den vollen Getreidewagen, 4m hoch, auf dem Pferd nach Hause kutschieren. In den Leiterwagen kam vorher ein Wagentuch, damit kein Korn verloren ging. Die abgeernteten Felder wurden dann gerecht und das Feld war frei für die Ährenleser. Frauen und Kinder, die keine Landwirtschaft hatten, haben die noch liegen gebliebenen Ähren aufgelesen, zu Hause ausgerieben und dann ihrem Schwein verfüttert. Im Krieg wurden die Körner auch in der Kaffeemühle gemahlen und Kuchen davon gebacken. War man mit der gesamten Ernte fertig, wurde am kommenden Samstag Streusel- und Mohnkuchen gebacken und alle, die in der Ernte geholfen haben, wurden sonntags zum Erntefest eingeladen. Vor den Ernteferien lernten wir in der Schule schon das Gedicht „Wagen auf Wagen schwankte herein“.

Meistens war die Scheune bis unters Dach voll und wenn Körner gebraucht wurden, wurde gedroschen. So auch am 1. September 1939. (Ein Nachbar kam zu uns in die Scheune und erzählte meinem Vater, dass seit heute morgen Krieg ist. Mein Vater stellte darauf die Dreschmaschine ab und die Erwachsenen unterhielten sich eine zeitlang mit ernster Miene. Ich, 12 Jahre, hatte ein Gefühl der Sensation, dass ich in meinem Leben einen Krieg erlebe, von dem die älteren Leute immer erzählten, als sie mit Pferd und Wagen in Frankreich bei der Artillerie oder Kavallerie waren, von Stellungskrieg und der Schlacht bei Verdun und so vieles mehr. So wie für uns der erste Weltkrieg unvorstellbar war, so können auch unsere Kinder Doris und Axel und dessen Nachkommen Kai und Ina sich keine reelle Vorstellung von den Tatsachen des zweiten Weltkrieges machen. Leider gehört auch das zu meinen Erlebnissen der Kinderjahre. Von den Kriegsgeschehen blieb Schlesien vorläufig noch verschont, sodass ausgebombte Mädchen unseres Alters vom Rhein zu uns kamen. Die rheinischen Mädchen hatten auch damals schon Temperament. Einige Günhartauer Jungen konnten von ihnen schon was lernen und wenn es das küssen war.

Es wird schon vor Kriegsausbruch gewesen sein, da haben wir Jungens auch einmal Krieg gespielt. Wir banden ein altes Ofenrohr als Kanonenrohr auf ein altes Kinderwagengestell. In das Rohr kam eine Blechbüchse mit Deckel, dessen Boden ein Loch hatte. In die Büchse kam Cabit und etwas Wasser. Genauso machen es auch unsere Enkel mit einer Kartoffelkanone aus Abflussrohren. Dann hielten wir ein brennendes Streichholz an das Loch und es gab einen Knall und der Deckel flog (vielleicht) zum Rohr heraus. Ob das Oberdorf gegen das Unterdorf kämpfte, weiß ich nicht mehr. Auf einmal hieß es, der Gendarm sucht das Dorf ab, wo die Knallerei herkommt und der Kampf war ohne Verluste beendet.

An ein anderes Erlebnis werde ich beim Grünhartauer Treffen von Naefe Hans erinnert. Ich kam vom Schulacker, der auf Grögersdorf zu lag, und fuhr mit dem Fahrrad die Gasse Conrad-Naefe-Plaeschke. Beim Naefe kläffte mich von der einen Seite ein kleiner Hund an. Von der anderen Seite kam Naefes Basso (großer Kerl) und biss mir in das Bein. Pflichtbewusst wie ich war fuhr ich weiter in die Schule zum Modelbau, wo ich auch hin wollte. Auf einmal stand das Blut im Schuh und ich wurde nach Hause geschickt. Aber da war ja niemand. Ich schickte ein Nachbarkind mit dem Fahrrad aufs Feld, um meine Mutter zu holen. In der Zeit habe ich im Hof auf dem Pumpenstein mein Bein abgewaschen und ich hatte eine Schüssel voll Blutwasser. Die Mutter rief von der Post aus den Doktor aus Markt-Bohrau an, der auch noch am selben Tage kam, und gab mir eine Spritze. Bis ins hohe Alter sah man die drei Zahnlöcher, vorn 2 und hinten in der Wade eins. Heute werden sie von den Krampfadern überdeckt. So verlief vor 65 Jahren ein Unfall.

Anfang des Herbstes kam in der Landwirtschaft die nächste große Arbeit, die Kartoffelernte. Die Kartoffeln wurden mit der Kartoffelschleuder aus der Erde breit hingeworfen, dann aufgelesen (Kartoffeln klauben) und auf den Wagen geschüttet. Zu Hause wurden sie entweder in den Keller oder in die Miete (Kartoffelschanze) abgeladen. Das Feld wurde geeggt und die Eggenkartoffeln geklaubt (Klauben: nach „Duden“ mit Mühe aufsuchen). Das trockene Kartoffelkraut wurde später auf Haufen gemacht und angezündet. Das Kartoffelfeuer war für uns Kinder eine Art Belohnung für das Kartoffel klauben. In das Feuer wurden Kartoffeln geworfen, die dann im Feld mit der Vesper schniete (Brot) gegessen wurde. Unsere dreckigen Finger trugen dazu bei, dass die Heilerde, die der Mensch ja braucht, ergänzt wurde. Aber trotzdem bin ich auch krank geworden und habe in einem Jahr keine Kartoffeln geklaubt. Ich hatte Diphtherie, musste drei Wochen im Bett liegen und drei Wochen in der Stube bleiben, so war das damals. Da die Eltern und Bruder Feldarbeit machen mussten, war ich viel allein. Krankenschwester Martha kam mich regelmäßig besuchen und später machte sie auch die Abstriche. Die sechs Wochen wurden zur Ewigkeit. Besonders die ersten drei Wochen im Bett. Wenn abends die Kartoffelwagen nach Hause fuhren, habe ich gelauscht, wann endlich unsere nach Hause kamen. Wie man heute Traktoren und Autos am Geräusch erkennt, so kannte man damals den Schritt der Pferde und das Rattern der Wagen. „Wo bleiben sie nur, doch jetzt kommen sie, das sind sie“, war dann die Erlösung, denn es war schon längst dunkel. Die 3 Wochen in der Stube, die waren schon abwechslungsreicher, denn ich konnte vom Fenster aus die Straße und den Paschkehof beobachten. Wegen der Ansteckungsgefahr kam mich auch niemand besuchen.

Nach den Kartoffeln wurden auch die Futterrüben ausgemacht. Sie wurden ausgerupft und auf eine Reihe gelegt. Frauen und ältere Kinder nahmen die Rübe in die linke Hand, mit der Rechten wurde das Kraut mit einem Hacker (halbe Sichel) abgehackt. Die Rübe wurde auf einen Haufen geworfen. Bei der Zuckerrübe ging es ebenso, nur wurde diese mit einem Gräbel ausgegraben, weil die Zuckerrübe tiefer steckt. Die Futterrübe wurde auch im Keller und in der Miete gelagert. Die Zuckerrüben wurden in die Fabrik gefahren später auch auf die Niederlage auf Grögersdorf zu. Die Zuckerrübenwagen wurden früher schon wie auch heute noch mit Wasserdruck in der Fabrik entleert. Die Rüben zum Sirup kochen, wurden schon auf dem Feld ausgelesen. Da jede Rübe einzeln ausgegraben wurde, zog sich die Ernte in die Länge und wurde von Regen und Schneeschauern behindert.

Wenn die Herbstsaaten gesät waren, wurde de Winterfurche gepflügt. Auf großen Gütern, die z.B. Äcker von über 25 ha hatten, wurden auch Dampfflüge eingesetzt. Ein großer Mehrschaarpflug wurde mit einem langen Drahtseil von einer Seite des Feldes über dem Acker zur anderen Seite von zwei Dampfmaschinen hin und her gezogen und so den Acker gepflügt. Aber bei uns Kleinen wurde mit dem Einschaarbeetpflug gepflügt, der früher noch vom Kutscher geführt wurde. Später gab es den Selbstgänger, der sich selbst führte, wenn er richtig eingestellt war und das Gespann geradeaus lief. Eine gerade Furche war damals wie auch heute noch das Spiegelbild des Kutschers und heute des Fahrers. Ich war schon ein bisschen älter, aber höchstens 14 – 16 Jahre alt, als ich auf Grögersdorf zu auf dem Feld gepflügt (geackert) habe. Da kam mir das Gedicht „Feierobend“ so in den Sinn. Beim Aufsagen so hinterm Pflug dachte ich mir: „Wie für mich gemacht“.

 

Feierobend! 

Immer gieh’, mein Brauner gieh’,

immer vurwärts, hott’ un hie’.

Is gieh’n strengt oan eim frischen Boden

heeß vum Rick’n steigt der Broden.

Gel’, der Pflug wird’ dir schun schwer

na, noach dreimool hie und her.

Trieste dich, mei’ gudes Tier

mir gieht’s akkurat wie dir.

Lange hoalt’n mer nimmer Stange,

Feierobend winkt schun lange,

denn die schwoarzen Kräh’n, die Wackern

mietgewatschelt uff’n Ackern

sein schun längst eim grußen Bog’n

ei jen schwoarzen Pusch geflog’n.

Birr, mein Brauner, nu’ ist’s Ruh’

free dich, is gieht der Krippe zu.

Siech, jitz kumme schun die Sterne

un vum Derfel ei der Ferne,

wie een Willkumm-Gruß, een lieber,

klingt die Obendglocke rieber.

 

 Bis zum Winter gab es aber noch viel zu tun. Wie ich schon erwähnte, wurden die Kartoffelfelder geegt, gepflügt und gesät. Nach jedem Arbeitsgang wurden von uns Kindern die Kartoffeln aufgelesen. Das gab doch wieder ein paar Sack voll und man konnte damit wieder ein paar Schweine füttern, so wurde damals gerechnet. Damals war das auch für die großen Höfe unrentabel. Deshalb gingen Nichtlandwirte auf diese Äcker und haben für ihr Schwein diese Kartoffel gelesen (Kartoffel stoppeln). Im Sommer hatten sie die Ähren gelesen, jetzt die Kartoffeln und ihre Küchenabfälle dazu, so konnten auch diese Leute zu Weihnachten ein Schwein schlachten. Im Krieg haben wir Schulkinder auf einem großen Gut diese Kartoffeln gelesen, ich glaube es waren ein paar Wagen voll.

Für die Kartoffeln und Rüben im nächsten Jahr musste auch der Mist gefahren werden. Der Wagen wurde an den Misthaufen gestellt, der dann von Frau und Kindern voll geladen wurde. Der Vater fuhr ihn aufs Feld und zog ihn mit dem Misthaken auf Haufen ab. In der Zeit wurde der andere Wagen voll geladen. Oben vom Misthaufen den unvergorenen Mist aufzuladen war kein Problem, aber der Speckige aus der Grube auf den hoch stehenden Wagen zu werfen war Schwerstarbeit, sowie auch das Mistbereiten, das Auseinanderwerfen. Die Miststreuer waren in der Traktorenzeit ein Segen, auch die Mistgreifer und Frontlader zum Mistladen.

In Spitzenzeiten der Arbeit wie zur Erntezeit beim Dreschen und Rübenvereinzeln wurden wir Kinder gefordert und ersetzten eine Arbeitskraft. Meine Ausführungen über unsere Kinderarbeit soll kein Jammern sein, es ist eine Feststellung, dass es in dieser Zeit so war. Nachträglich kann man sogar sagen, unser Wissen und Können hat uns in der schlechten Zeit viel geholfen, bei vielen sogar am Überleben. Wir hatten außer unserer Arbeit auch noch Freizeit genug, um Dummheiten zu machen. Was wir nicht hatten, war Langeweile. Wir sind in den Scheunen herumgeklettert und von den Balken ins Stroh gesprungen. Auch haben wir um die Wette Eier ausgetrunken. Dann sind wir hinten raus ins Gebüsch (Püschla) gegangen und haben mal an einer Zigarette gezogen. Dass Mütter „Hellseher“ sind erlebt man als Kind öfters, aber einmal war ich doch verblüfft. Wir waren wieder einmal im Püschla mit etwa vier Mann und einer Zigarette. Weit und breit war niemand zu sehen. Als ich nach kurzer Zeit nach Hause kam, sagte die Mutter: „Du kummst aus dem Mittmann Püschla und ihr habt gerocht.“ Das kann doch nur so eine alte Tante gewesen sein, die uns doch gesehen hat, und ist sofort aufs Fahrrad zu meiner Mutter um zu petzen, denn Handys gab’s vor 65 Jahren noch nicht.

Bei dem Wort Fahrrad muss ich an eine andere alte Tante, an die Kirschke Ernstine denken, denn die hatte noch ein Fahrrad ohne Freilauf. Kam die Tante damit zu uns, war es unser größtes Vergnügen, damit zu fahren. Wenn wir damit in Schwung kamen, wurden unsere kleinen Beine von den Pedalen wieder hoch gedrückt. Man musste damit ja immer treten. Stillstand gab es nur beim Absteigen. Ernstine kam auch zu uns zum Füttern und Melken, wenn die ganze Familie mit Pferd und Kutschwagen fortfuhren, wie zum Beispiel nach Senits zur Konfirmation. Ernstine tat dann bei uns „der heeme hüten“.

So auch als wir 1943 eine junge Aushilfskraft hatten und Ernstine mit ihm gemolken hat. Ernstine hat auch kontrolliert, ob der junge Mann die Kühe richtig ausgemolken hat. Danach setzte er sich unter Ernstines Kühe und hat die nachgemolken. Ernstine war fassungslos: „“Das ist mir im ganzen Leben noch nicht passiert, dass jemand meine Kühe nachmelkt.“ Sie fühlte sich zutiefst beleidigt und in ihrer Ehre verletzt. So war es auch bei den Knechten der Bauern. Die Pferde, mit denen sie fuhren, waren ihre Pferde. Sie trugen die Verantwortung für ihre Gesundheit, Aussehen und Leistung und ließen auf sie nichts kommen. Das haben auch zwei grünhartauer Jungen erfahren, als sie beim Kutscher Gleich aus Karolinenhof auf den leeren Wagen „uffgehuckt“ sind. Sie sind von hinten auf den Wagen geklettert und mitgefahren. Das wurde von uns Kindern öfters getan. Sie gingen auf dem Wagen zum Kutscher. Nach einer Zeit sagte der Eine: „Die aale Böck wulln och nicht mehr su lofen.“ Kutscher: „Was, du sagst zu meinen Pferden Bock. Runter von dem Wagen.“ Da konnte sich der Andere das Lachen nicht mehr verkneifen und der Kutscher sagte gleich: „Was, und du noch Lachen, auch runter von dem Wagen!“ Durch die Beleidigung der Pferde fühlte sich auch der Kutscher in seiner Ehre verletzt. Die zwei Jungen konnten froh sein, dass sie nicht noch ein paar Peitschenhiebe bekamen. Das konnte aber mit Sicherheit einem passieren, wenn er versuchte von einem durchfahrenden Zuckerrübenwagen ein paar Zuckerrüben zum Sirup kochen vom Wagen zu holen.

Auch die kleinen Landwirte konnten sich damals fast selbst versorgen. Nur Kleinigkeiten wurden dazu gekauft. Die Milch kam nach dem Melken durch die Zentrifuge (Schleuder). Das ergab Rahm  und Magermilch. Für uns war das Schleudermilch. Wenn wir Kinder die Zentrifuge brummen hörten, nahmen wir unsere Tasse (Tipla), hielten sie darunter und tranken 1-2 Tassen kuhwarme Schleudermilch. So eine Spielerei und Untugend von uns Kindern war auch im Kuhstall. Wer konnte sich am Besten die Milch aus dem Strichen in den Mund melken. Auch wurden Zuschauer in Kuhstall beim Melken mit einem Strahl Milch bespritzt, nach Möglichkeit ins Gesicht wie Ohren, das nur mal nebenbei.

Wenn von etlichen Tagen genug Rahm vorhanden war, wurde gebuttert. Das ergab wieder Butter und Buttermilch mit Butterklümpchen. Die Butter, die wir nicht selbst verbrauchten, wurde vor dem Krieg der grünhartauer Handelsfrau Ludwig – Ohnesorge verkauft sowie auch andere Produkte. Den Mann von Frau Ohnesorge traf ich 1946 Im Ural in russischer Kriegsgefangenschaft. In Grünhartau habe ich ihn nicht gekannt.

Die Zentrifuge und das Butterfass wurden mit der Handkurbel gedreht. Im Krieg musste die Milch an die Molkerei abgeliefert werden. Butter für den eigenen Verbrauch und Magermilch bekamen wir zurück. Die Magermilch schmeckte aber nicht so wie früher die Unsere. Auch andere landwirtschaftliche Erzeugnisse mussten abgeliefert werden. Für den eigenen Bedarf blieb uns noch soviel, dass wir für uns Brot und Kuchen backen konnten. Außerdem hatten wir noch Gänse, Hühner, Fleisch, Eier, Zucker, Mohn, Senf, und eine ganze Tonne voll saure Gurken sowie Obst, Gemüse und Sirup. Wir kochten im Herbst / Winter ca. 100 Liter Sirup, aber nicht nur für uns, auch für die Verwandtschaft. Ein Eimer voll ging jedes Jahr nach Berlin zu Verwandten. Die anderen Kleinigkeiten zum Leben holten wir beim Kaufmann, Brot vom Bäcker, wenn unseres nicht bis zum Samstag (Backtag) reichte, vom Fleischer ab und zu eine Knoblauchwurst, denn wir hatten ja vom Hausschlachten Fleisch und Wurst geräuchert und Bratenfleisch und andere Wurstsorten in den Gläsern eingekocht. Davon lebte man ein ganzes Jahr und teilte es eben ein. Aber Sonn- und Feiertags gab es Fleisch und Klöße mit Sauerkraut und einer fetten Rahmsoße. Dem Käsemannla (Käsemann), das regelmäßig kam, wurde auch ein Quargla abgekauft. Die Bürstemutter von Münsterburg machte auch ihr Geschäft, denn Tische, Bänke und Dielen wurden jeden Samstag mit der Wurzelbürste und Kernseife geschruppt. Da war immer wieder mal eine Bürste fällig.

Auch ein Reisender mit Eutersalbe und Staucherfett wollte was verkaufen. Wir Kinder haben ihm immer nach gemacht, weil er das Euter und Staucher so extrem stark betonte.

Wetter und Arbeit ging nahtlos vom Herbst in den Winter über. Die Rüben und Kartoffelmieten mussten mit einer dicken Winterdecke versehen werden, denn die Winter waren kalt. Die Rübenblätter wurden damals bei uns schon silirt. Von der Zuckerfabrik holten wir auch Nassschnitzel, die zwischen den Rübenblättern mit silirt wurden und ein gutes schmackhaftes Winterfutter für die Kühe gab.

Auch musste immer wieder gedroschen werden, damit die Körner verkauft werden konnten. Auch das Holz, um den Backofen zu heizen, holten wir zu dieser Zeit aus dem Dürrhartauer Wald. Es waren lange Äste, die wir mit dem Wagen nach Hause fuhren. In einer arbeitsarmen Zeit machte man daraus die backofengerechte Holzgebunde. Nach längerer Trocknung wurden sie dann bei Bedarf verfeuert. 1943/44, als ich nach Gurtsch in die Landwirtschaftsschule ging, stellten wir den Antrag auf einen Bezugschein für eine Dreschmaschine, da unsere alt war und keine Reinigung hatte. Beim Händler Ilgner in Streklen stand eine solche zum Verkauf. Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: In Grünhartau sind genügend Dreschmaschinen vorhanden. Nachbarschaftshilfe ist möglich. Im Krieg und nachher bis zur Währungsreform 1948 bekam man nur auf Bezugschein oder auf dem Schwarzmarkt was zu kaufen. Lebensmittel gab es nur auf Marken Auch das Hausschlachtschwein wurde gewogen. War es schwerer wie es einem zustand, dann musste es abgegeben werden.

Die aller schlechteste Zeit war von 1945 bis 1948. Da waren auch Millionen Ausgebombte, Vertriebene und Flüchtlinge, die in Wohnungen und Hallen zwangseingewiesen wurden, damit sie ein Dach über dem Kopf hatten. Viele hatten nichts, aber auch gar nichts. Ein ehrlicher Mensch konnte in dieser Zeit kaum überleben. Wie sagte man damals: „Ich habe mir was organisiert.“ Traurig aber wahr. Ich muss immer an die letzten Kriegsjahre denken, als einzelne Menschen hinter vorgehaltener Hand sagten: „Genieße den Krieg, denn der Frieden wird schrecklich werden.“ Auch die Parole „Räder müssen rollen für den Sieg“ wurde ergänzt mit „Kinderwagen für den nächsten Krieg“. Ein Marktschreier rief: „Schöner Hering, so dick wie der Göring!“ Er wurde 8 Tage eingesperrt. Danach rief er wieder: „Schöner Hering, so dick wie – darf ich nicht mehr sagen, sonst geht es mir wie vor 8 Tagen!“ Solche Äußerungen zu verbreiten oder nicht anzuzeigen, konnte damals gefährlich werden. Das nannte man glaube ich „Wehkraftzersetzung“. Ja, diese Zeit lässt einen nicht los, man kommt immer wieder in das Fahrwasser dieser schmerzlichen Erinnerungen. Deshalb will ich wieder zu den schöneren Erinnerungen der Kindheit wechseln.

1942/43 war der schneereichste Winter des Krieges. In dem Winter ist auch der Schneepflug, der von Pferden gezogen wurde, stellenweise nicht mehr durchgekommen. Auch die Straße auf Bärzdorf zu musste immer wieder freigeschaufelt werden, damit das Milchauto durchkam. Ich erinnere mich, dass eines Tages ein LKW mit Schneepflug von Strehlen kam und die Durchfahrt der Straßen breiter machte. Der Schnee blieb auch lange liegen, sodass die Straße eine Eisbahn war. Wir haben uns auch die Schlittschuhe schon zu Hause angeschnallt und liefen damit zum Teich auf das Eis. Kam ein Pferdeschlitten des Weges, so hielt man sich fest und fuhr mit. Auch am Milchauto habe ich es einmal probiert. Es fuhr zwar nicht schnell und nur von einer Abladestelle zur anderen, doch habe ich es nie wieder gemacht. Die holprige Straße und das Tempo haben mir gereicht. Im Winter mussten auch die Pferde bewegt werden. Das war der beste Anlass eine Schlittenparty zu machen. Damit das Pferd auf der vereisten Straße laufen konnte, schraubten wir erst einmal die scharfen H-Stollen in die Eisen und band die Klingel an das Geschirr, denn das war auch Vorschrift. 4-8 Rodelschlitten banden wir dann hintereinander an und im Trabe und Zick-Zack-Kurs ging es über die Straße, damit besonders die letzten Schlitten schleuderten und im Schnee kippten. Ja, da kam Freude auf. Die alte Sandgrube war eigentlich unsere einzige Schlittenabfahrt. Auch da wurde gerempelt und andere ins Schleudern gebracht. Aber auch friedlich ging es rauf und runter, bis wir dann abends nach Hause gingen. Die Hosenbeine waren gefroren, sodass man sie zu Hause hinstellen konnte. Aber am Kachelofen, den ja jedes Haus hatte, tauten sie wieder auf.

In diesem Winter nahm ich auch einen Skilehrgang im Glatzer Schneeberg teil. Mit 15 Jahren war das die erste vormilitärische Ausbildung. Die zweite im Wehrertüchtigungslager (WE) war schon intensiver Drill von SS-Ausbildern und fand im Sommer 1943 statt, der 3 Wochen dauerte.

Da ich der Jüngste von uns drei Jungen in der Familie bin, erbte ich Kleidungsstücke von den Älteren, so auch die Schlittschuhe, die alten Absatzreißer. Doch an einem Weihnachtsfest bekam ich neue mit Hohlschliff. Ich war glücklich über so ein schönes Geschenk. Als wir noch kleine Kinder waren, ging der Vater am heiligen Abend mit uns in die Kirche. Jeder nahm eine Kerze mit, die wir anzündeten. Drei Mädchen des 8. Schuljahres sagen jedes Jahr das Lied „Vom Himmel hoch“. Nach dem Gottesdienst gingen wir nach Hause, wo die Mutter mit dem Essen auf uns wartete. Das Christkind war auch schon da gewesen. Nach dem Essen und Geschenke auspacken spielten wir auch einmal mit Vater und Mutter „Mensch ärgere dich nicht“, „Miele“ und „Dame“, was sonst im ganzen Jahr nicht vorkam. Nachdem wir die Mohnklöße (Mohnkließla) gegessen hatten, ging es noch mal in den Stall und das Vieh bekam auch eine Weihnachtsration Futter. Da gab es auch noch viele andere Gebräuche zwischen den Jahren.

Wie mein ältester Bruder Max erzählt, gab es auch vor der Konfirmation vor dem ersten Abendmahl den Brauch der Abbitte bei den Eltern. Sie lautet: „Da ich gewillt bin vor den Tisch des Herrn zu treten, bitte ich um Vergebung der Sünden, die ich begangen habe in Worten, Taten und Werken.“ Ich kannte diesen Brauch bisher nicht.

Die schönste Jahreszeit war für uns Kinder wohl der Winter, aber doch gefährlich, wenn ich an das Bugeislaufen denke. Das Eis ist, wenn es taut, in einem bestimmten Stadium so, dass es nachgibt, also sich biegt, aber nicht gleich bricht. Darauf laufen ist Bugeislaufen oder Schifflatraten (Schiffchentreten = Eisschollen treten). Das Eis wurde mit der Axt in größere Eisschollen gehackt und dann lief man von einem zum anderen. Da das Eis nicht lange in solch einem Zustand war, wurde das nur kurze Zeit gemacht; aber es wurde gemacht.

Ende des Winters lernten wir das Gedicht „Hoffnung“ und „und dräunt der Winter noch so sehr“ und freuten uns auf den Frühling. Auch lernten wir in schlesischer Mundart „März, März, alle Tage schinner wärz“. Dieses Gedicht ist mir gut in Erinnerung geblieben. Ich hatte gerade ein volles, also ein altes Schreibheft vor mir liegen, als wir es gemeinsam aufsagten. Als es am Schluss des Gedichtes hieß „Du altes Heft lof zu lof zu“, da gab ich mein Heft meinem Nachbar und mit einer winkenden Handbewegung sagte ich „lof zu lof zu“. Das hat auch mein Lehrer gesehen und prompt gab es eine Strafarbeit. Dieser Lehrer war unser Hauptlehrer Fritz Klose. Als wir 1942 aus der Schule entlassen wurden, sagte er zu mir: „So, Ernst. Ab heute sagst du Onkel Fritz zu mir.“ Fritz Klose und mein Vater waren Cousins. Ich hatte nicht mehr die Gelegenheit Onkel zu sagen. Es wäre mir auch schwer gefallen diese Respektsperson mit Onkel Fritz anzureden.

Ich will aber noch mal zurück in die friedliche Kinderzeit mit 12 Jahren kommen. Der Onkel aus Strehlen hatte sich ein hunderter Sachsmotorrad gekauft. Er kam nicht nur zu Besuch, er kam uns auch mal helfen. Wenn er wieder nach Hause fahren wollte, war meine Frage: „Darf ich das Motorrad antreten?“ Ich durfte! Zuerst ein paar Runden im Hof, dann auf der Straße bis zu Fuches und zurück. Auch hinterm Dorf auf dem Feldweg bin ich einmal gefahren. Das machte in diesem Alter Spaß. Es war damals kaum Verkehr. Auch beim Lindenblüten pflücken auf den Straßenbäumen konnte die Leiter mit einem Fähnchen dran auf der halben Straße stehen. Auch mit anderen Teepflanzen wie Kamille, Pfefferminze und Schlafgarbe wurde die Hausapotheke aufgefüllt. Brennnesseln brauchten wir für unsere Geflügelküken. Wir hatten nämlich auch 2 Gänse und einen Gänserich (Gansch). Die Gänse legten im Frühjahr die Eier, die wir jeden Tag holten und zeichneten, und wenn die Gänse brüteten, wurden ihnen die Eier untergelegt. Die Eltern konnten das tun, auch wenn der Gansch dabeistand. Aber wehe wir Kinder kamen in die Nähe, da wurden wir angezischt und der Gansch ging gegen uns. Wenn er mit dem langen Hals vor uns stand und uns beißen wollte, nahmen wir ihn am Hals, darin hatten wir schon Übung, und schleuderten ihn fort. Kaum stand er auf der Erde, da kam er wieder. Das waren wohl raue Sitten für uns Kinder, aber es war nur Selbstverteidigung. Auch einzelne Hühner (Glucken) wurden auf die Eier zum Ausbrüten gesetzt. Die saßen so aufgefiedert auf ihren Eiern und machten sich noch mal so breit wie sie waren. Wenn wir Kinder einmal (nicht immer) so „breet lümmlich“ am Tisch saßen, da kam der Mutter auch mal über die Lippen: „Du fletscht dich do wieder hin wie ne Brütt-Henne. (Du machst dich so breit wie eine brütende Henne)“. Fletschen kann man nicht übersetzen. Wenn die Gänseküken (Gansla) und die Hühnerküken (Schiperla) den Hof bevölkerten, gab es für uns Kinder zusätzliche Arbeit: Brennnesseln holen. Die ersten jungen Brennnesseln holten wir in der Schnabelei. Das kleine Wäldchen war nicht nur für die zarten Brennnesseln bekannt. Auch für junge Liebespaare soll es ein Anziehungspunkt gewesen sein, haben wir damals gehört (und gesehen). Die Brennnesseln wurden mit dem Wiegemesser zerkleinert und Brotkrümel darunter gemischt. Das war das erste Kükenfutter. Die Glucke kam über Nacht mit ihren Küken in einen leeren Schweinestall und wurden wieder früh herausgelassen. Während die Glucke zur Stalltür hinausging, liefen die kleinen Küken in der immer tiefer werdende Jaucherinne in die Jauchegrube. Beim Stall saubermachen wurde vergessen den Stein vor das Loch zu legen. Wir waren alle sehr traurig. Das ist uns auch nie wieder passiert.

Wir haben aber auch einmal beim Getreidemähen mit dem Binder über ein Rebhuhnnest gemäht. Die Küken haben es überlebt, aber die Henne nicht. Die Kleinen haben wir eingefangen und zu Hause im Hof in einem großen Kaninchenstall groß gefüttert. Sie waren trotzdem wild. Eines Tages haben wir den Stall aufgemacht und fort waren sie im Feld.

Unsere Hühner wurden früh aus dem Stall gelassen und liefen dann in Hof, Garten und Scheune herum. Sie hatten ihre Nester im Hühnerstall, legten trotzdem auch Eier in die Scheune. Es ist auch schon einmal vorgekommen, dass eine Henne sich in einer Strohhöhle ein Nest machte, Eier legte und sie dann ausbrütete. Eines Tages kam sie mit den Küken. Deshalb begriffen andere Hühnerhalter ihre Hühner. Wenn man fühlt, dass die Henne kein Ei zum Legen hat, dann kann sie raus. Die anderen Hennen blieben eingesperrt, bis sie gelegt hatten. Nicht nur die Kinder wurden früher streng erzogen, sondern auch die Hühner. Wenn im Mai die Maikäferzeit kam, gingen wir früh mit den Hühnern in den Garten und schüttelten die kleinen Bäume. Da fielen die Maikäfer herunter und die Hühner fraßen sie. Die waren aber schnell satt. Die Maikäfer fliegen, wenn es dunkel wird und lassen ich auf Bäumen nieder, dessen Blätter sie fressen. Kastanien fressen sie am Liebsten, sodass die Bäume schnell kahl sind. Schmecken taten die Maikäfer mir nicht, das habe ich in der Pause auf dem Schulhof gemerkt, als ich meine Schnitte (Schulbrot) biss und ein Marienkäfer gerade darauf saß.

Die verpupten Maikäfer, die Engerlinge, sind beim massenhaften Auftreten Schädlinge, weil sie die Wurzeln von Pflanzen abfressen, so auch von jungen Rübenpflanzen. Die Rüben werden welk und sterben ab. Das wissen aber auch die Krähen und picken neben der welken Pflanze die Engerlinge heraus. Diese Erfahrung stammt aus Grünhartau, denn hier gibt es keine Maikäfer.

Wie heißt es doch im Märzgedicht: „Der Pauer rufft uffs Feld, uffs Feld“. Das heißt bei abgetrocknetem Boden kam die Frühjahrsbestellung voll in Gang. Hafer und Sommergerste wurden gesät, sowie auch die Rüben. Bei den Rüben wurden damals noch Normalsamen gesät. Um einen gesicherten Pflanzenbestand zu erzielen, wurden viele Samenkörner ausgesät. Da standen rechnerisch bis zu 2 Millionen Pflanzen pro Hektar. Aber alle 18-20 cm sollte nur eine Pflanze stehen. Das sind aber nur 80.000 pro Hektar. Deshalb musste vereinzelt werden, wozu man viele Arbeitskräfte brauchte, besonders Kinder. Mit dem einkeimig pilierten Saatgut ist heute das Problem gelöst. Die Kartoffeln kamen zuletzt dran, denn die Bauernregel sagt: „Legste mich im April, komm ich wann ich will. Legste mich im Mai, do komm ich glei.“ Früher wurde eine Furche gezogen und jede Männerschuhlänge wurde eine Kartoffel gelegt. Später wurden mit dem Vielfachgerät Löcher zum Legen gemacht und heute wird mit der vollautomatischen Maschine gelegt.

Was trank man so damals bei der Arbeit? Korn- oder Gerstenkaffee wurde in der Kaffeemühle gemahlen und kam in den gusseisernen Kaffeetopf, der auf der Ofenbank stand. Ein Kaffeezusatz Zichorie kam dazu und das wurde mit heißem Wasser aufgebrüht. Daraus holte man sich etwas, wenn man Durst hatte. Im Feld trank man auch Kaffee und Tee, den man selbst hatte, und wenn man nach Hause kam, trank man Pumpenwasser. Im Sommer wusch man sich erst den Kopf ab vom Schwitzen, dann Hände und Arme; alles unter der Pumpe. Jetzt kam das kühle Wasser aus 20 Meter Tiefe, das wurde aus den Händen getrunken. Ein besonderes Getränk wurde mit einer Tasse kaltem Wasser, einem Teelöffel Zucker, ein paar Tropfen Essig und einer Messerspitze Natron hergestellt. Das war unser Bullerwasser. Auch kam zur bestimmten Zeit das Peterwitzer Jungbierauto. Manchmal holten wir uns davon ein Kännchen voll.

In der Landwirtschaft, aber auch in anderen Berufen und Tätigkeiten fing man früh mit der Arbeit an. Da das Milchauto, das die Milch abholte, schon früh um 6 Uhr bei uns war, mussten zu dieser Zeit die Kühe gemolken sein und die Milchkannen vor unserem Haus an der Sammelstelle sein. Der Paschkehof gegenüber von uns, mit 60 ha Land, hatte für den Kuhstall einen Schweizer (Melker). Der fing früh um halb 3 Uhr an zu füttern, misten, melken, u.s.w…. Auch die Knechte und Mägde waren um 5 Uhr am Arbeitsplatz. Die Pferde mussten zwei Stunden fressen können. In dieser Zeit wurden sie geputzt und gemistet und der Wagen zur Abfahrt um 7 Uhr vorbereitet. In unserem Kleinbetrieb wurden von der Familie alle Groß- und Kleintiere versorgt und nach dem Frühstück ging es an die Hof- oder Feldarbeit. Wir Kinder gingen auch noch zur Schule. Wenn wir später nach Hause kamen und die Eltern waren auf dem Feld, lag ein Zettel auf dem Tisch: „Essen steht im Röhr, komm mit dem Fahrrad auf’s Mittelfeld.“ Das Röhr war im Kachelofen über der Kochplatte. Da wurde unter anderem das Essen zum warm halten hingestellt. Der Kachelofen heizte unter anderem zwei Stuben und es wurde auf der Kochplatte im Ofen mit Dampfabzug gekocht. Im Wasserschiff wurde noch nebenbei warmes Wasser für alle Zwecke bereitet. Es war eine vielseitige Heizanlage.

Selbstverständlich war es, dass nach dem Essen alles gespült und weggeräumt wurde. Da wir 3 Jungen waren, wurden auch Mädchenarbeiten von uns verlangt. Besonders von mir, weil ich der Kleinste war. Wenn ich zum Beispiel samstags aus der Schule kam, die Eltern waren im Feld, habe ich öfters auch mal Tische, Bänke und Stühle mit Bürste und Seife geschrubbt. Es war alles aus massivem Holz. Besonders eine Bank, ein Erbstück aus Berlin, wurde von Besuchern wegen den Schnitzereien in der Lehne bewundert. Für uns war es ein Dreckfänger, weil wir mit der Wurzelbürste nicht dazwischen kamen und es dunkel aussah. Auch die Fußbodendielen sowie Hausgang und Küche, wo der Backofen, Herd und Kessel standen, wurde der Fußboden geschrubbt, dass die Ziegel rot leuchteten. Das habe ich sogar gerne gemacht. Die Dielen wurden später erneuert und gestrichen, also nicht mehr geschrubbt. Ich habe nämlich beim Dielen ein Büchse mit einem Zettel unter die Bretter getan mit den Worten: „Heute Nacht ist die Windmühle abgebrannt.“ Es muss wohl vor 1939 gewesen sein. Auch im Keller unserer Scheune in Grünhartau hab ich mich im Vorputz mit „9.6.42  EB“ verewigt. Bei unserem Besuch 1996 habe ich das entdeckt. Das habe ich in meinem Leben öfters bei Neubauten und Umbauten getan.

Wieder zurück zu unserer Hausarbeit. Die Schulaufgaben haben wir nur abends gemacht. Wenn ein Knopf ab war, mussten wir ihn auch selbst wieder annähen. Auch Strümpfe wurden öfters mal selbst gestopft. Wenn sie dann drückten, war man selbst dran Schuld, und machte es das nächste Mal besser. Besonders im Spätherbst, wenn der Vater schlachten ging, war die Mutter überlastet. Sie war für Innen und Außen zuständig. Auch musste sie für den Vater jeden Tag zwei gewaschene und gebügelte Fleischerjacken und –schürzen haben. Fast jeden Abend bügelte (plättete sie mit dem Platteisen) sie die Jacken und Schürzen. Da kam erst der Glühbolzen aus dem Platteisen ins Feuerloch. Wenn er glühte, kam er in der Eisen zum Plätten und der zweite kam ins Feuer. Die Jacken bügelte die Mutter selbst, das Schürzen bügeln habe ich ihr öfters mal abgenommen. Wenn die Mutter dann spät abends zur Ruhe kam und wollte in die Zeitung gucken, dann vielen ihr die Augen zu. Schlachtete der Vater am Tage zwei Schweine, dann kam er abends spät nach Hause. Jetzt musste er aber noch die Messer abziehen (nachschärfen) und den Zecker für den nächsten Tag fertig machen.

Wenn unser Brot zur Neige ging und wir am Samstag backen mussten, kam am Freitagabend der Backtrog mit Mehl hinter den Kachelofen. Das Wulgersäckla, der getrocknete Sauerteig vom letzten Backen, wurde im Mehl zum Treiben angesetzt. Wir Kinder waren auch hierbei von klein auf dabei und behilflich. Wenn das Brot gebacken war und heiß aus dem Ofen kam, konnte keiner widerstehen, sich eine Kruste vom aufgeplatzten Brot abzubrechen. Das war ein echter Leckerbissen. Das habe ich alles in meiner Schulzeit erlebt und mitgemacht. So auch die Seidenraupenzucht. Wahrscheinlich war das auch so ein freiwilliges Muss. Die Kokons sollten für die Fallschirmherstellung sein. Dazu hatten wir im Wohnhaus unter dem Dach einen Abstellraum. Die Raupen haben sich mehrmals gehäutet und haben sich dann verpuppt. Diese Kokons lieferten wir in der Schule wieder ab. Gefressen haben diese Raupen die Maulbeerblätter, dessen Sträucher dafür auf dem Turnplatz gepflanzt waren. Auf diesem Turn- oder Sportplatz trieben wir von der Schule aus und auch vom Jungvolk aus Sport. Auf dem Sportplatz war auch eine Sprunggrube von 5 Metern. Um die 12Jahre herum war ich in Sport gut, sodass ich beim Weitsprung einmal 5,30 m in die Maulbeersträucher sprang. Auch im Laufen war ich gut, sodass ich bei den Jugendwettkämpfen so viele Punkte hatte, dass ich bald 2 Siegernadeln bekam. Ja, man kann auch einmal im Leben gut sein.

Auf dem Turnplatz stand einmal zu einem Fest eine Rutschbahn. Davon habe ich auch bei unseren Grünhartauer Treffen noch nie etwas gehört. Das war damals eine Sensation auf unserem Dorf. Da konnte man außerhalb der Treppen auf einem Gummiband hochfahren, was wenige schafften. Wer von uns Kindern Rutschmatten wieder hoch trug, durfte dafür einmal umsonst runterrutschen. Ein Karussell, das man noch schieben musste, war auch da.

Das war bestimmt noch vor dem Krieg, denn im Krieg war ja auch die Verdunkelung. Kein Lichtstrahl durfte aus Haus und Stall nach außen dringen. Wenn nicht gerade der Mond schien, war es im Dorf wie auch in der Stadt gespensterhaft dunkel. Nur ein kleiner Querbalken Licht schien aus den Lampen von Autos, Motor- und Fahrrädern. Wir hatten uns daran gewöhnt und kannten nichts anderes. Als dann der Kriegsschlager „Es geht alles vorüber“ mit dem viel versprechenden Text gesungen wurde: „Und ist der Krieg einmal aus, kommt auch der Landser nach Haus und zu Hause brennt das Licht, denn verdunkeln braucht man nicht.“ Was muss das dann so schön und so hell sein dachte ich und so viele andere. Doch es wurde für uns nach dem Krieg weder schöner noch heller, sondern das Leben immer schlechter.

Auch war im Krieg für Jugendliche unter 18 Jahren ein Ausgehverbot ab 21 Uhr. So wurde 1942 mein Bruder Kurt und Klose Alfons vom Gendarm nach 21 Uhr auf der Straße angetroffen und mussten zur Strafe, ich glaube vom Bürgermeister verhängt, Sonntagmorgens mit einem Reiserbesen die Dorfstraße kehren. Während unsere Mutter zu Hause wegen der Schmach und Schande weinte, machten sich die zwei einen Jux daraus und bespritzten „aus Versehen“ einzelne Fußgänger.

Auch der Kinobesuch von Filmen ab 18 Jahren war uns nur gestattet, wenn man den Einberufungsbefehl vorzeigen konnte. Das war aber bei mir nicht möglich. Ich erhielt am 10.12. telefonisch über die Post und am 11.12. schriftlich die Einberufung und musste am 12.12.44 in Cotbus sein. Da war ich gerade 17 Jahre und 24 Tage alt, aber vorher war ich schon vom 17.10-4.12.44 beim RAD und wurde schon militärisch ausgebildet. So fuhr mich mein Vater am 12.12. früh morgens mit unserem Pferd und Wagen nach Warkotsch zum Zug.

Das war meine letzte Fahrt in UNSEREM Schlesien.