Meine Kinderjahre in Grünhartau
Ich (Ernst Burghardt) 1927 geboren, möchte über meine Erlebnisse
berichten.
Da
Grünhartau ein Bauerndorf war, lebten und arbeiteten die meisten Bewohner in
oder von der Landwirtschaft. Wir bewirtschafteten auch 8 ha Land und hatten ein
Pferd, auch mal zwei. Die Arbeit wurde vorwiegend von unserer Familie gemacht.
Ab Mitte November ging der Vater „Hausschlachten“. Die größeren Betriebe im Ort
hatten mehrere Pferdegespanne, auch schon vereinzelt Buldogs, sowie Knechte und
Mägde und ein Schweizer (Melker), der die Arbeit verrichtete. In diesem Bericht
will ich auch versuchen den eventuellen Lesern, unseren Nachkommen mit keiner
landwirtschaftlichen Kenntnis, die Begriffe und Tätigkeiten der damaligen Zeit,
sowie einzelne schlesische Ausdrücke zu erklären oder zu verdeutlichen. Aber im
Mittelpunkt sollten meine Erlebnisse aus den Kinderjahren stehen. Mit 15 (1942) ist man doch noch ein Kind aber mit 17 mussten
wie schon tapfere Soldaten sein. Die zwei Jahre der Jugendzeit gehören einfach
mit in den Bericht. Zeitzeugen leben noch und können diese Zeilen lesen und
beurteilen. Meine Gedächtnislücken habe ich auch mit meinem Schulfreund Erich
Fuchs besprochen.
Die
Schulferien wurden damals nicht in die Urlaubs- sondern in die Erntezeit
gelegt, damit wir Kinder fleißig mithelfen konnten. In der Getreidezeit wurde
zum Beispiel folgendermaßen mit der Arbeit angefangen. Die reifen
Getreidefelder wurden von den Männern mit der Sense angemäht und die Frauen
nahmen dieses Getreide auf (abraffen) und legten es auf die Getreideseile, die
wir Kinder vorher machten. Das ganze wurde zu einer Garbe zusammen gebunden und
zu einer Puppe oder Stiege aufgestellt (Getreideseile wurden, aus einem
handvoll Getreidehalmen überkreuz geknotet, gemacht). Das geht schnell, wenn
man’s kann. Bei Gerste ging das nicht. Das Feld wurde rundherum angemäht, damit
man dann mit dem Bindermäher (Binder) oder Flügelmaschine das Feld mähen konnte.
Der Binder legte die fertiggebundenen Garben auf dem Feld ab und wir Kinder
halfen wieder beim Aufstellen der Garben. In der gesamten Ernte gab es für uns
Kinder für jedes Alter immer Arbeit. Mit der Flügelmaschine mähte man
vorwiegend Gerste oder Hafer. Sie legte das ungebundene Getreide in Gelegen ab.
Nach einer Trocknungszeit wurden diese Gelegen ganz früher auf Strohseile,
später auf Hanfseile gelegt, gebunden auf den Leiterwagen geladen und in die
Scheune gefahren (Die
Strohseile machte man schon in der Scheune aus Roggenstroh, was mit dem Flegel
gedroschen wurde. Auch in unseren Betten waren Strohsäcke anstatt Matratzen.
Die wurden auch mit dem Flegel gedroschenem Stroh gefüllt [gestopft] und jeden
Tag aufgeschüttelt, damit man weich lag). Die mit dem Binder gemähten Garben
wurden zu Puppen aufgestellt. Etwa 10 Garben werden rund aufgestellt und die
Stiege längs gestellt. Nach einer Zeit der Nachreife und Trocknung werden sie
auch in die Scheune gefahren (eingefahren). Getreidekörner sind mit 15% Feuchtigkeit
trocken und lagerfähig. Ich schätze, dass mit dem Binder das Getreide mit ca.
18% Feuchtigkeit gemäht wurde. Deshalb das Aufstellen und Trocknen. Bei 15% und
weniger gibt es beim mähen mit dem Binder oder Hand zu viel Verluste, die
Körner fallen aus.
Heute (2007) wird das Getreide mit dem Mähdrescher mit 15% und
weniger gemäht. Die Körner fallen gleich in den Mähdrescher. Ist es feuchter,
werden die Körner gegen Abzug getrocknet, zum Mahlen aber wieder angefeuchtet.
Beim Aufladen des Getreides auf den Leiterwagen durften wir Kinder so um die 10
Jahre auf dem Pferd reiten und den Wagen von einer Puppe zur anderen
weiterfahren (vorrücken). Das musste aber auch vorsichtig geschehen; das heißt,
langsam fahren, damit die Garben und der Lader (der die Garben hinlegt) nicht
vom Wagen fällt. War das Kind ein guter Kutscher, konnte es auch den vollen
Getreidewagen, 4m hoch, auf dem Pferd nach Hause kutschieren. In den
Leiterwagen kam vorher ein Wagentuch, damit kein Korn verloren ging. Die
abgeernteten Felder wurden dann gerecht und das Feld war frei für die
Ährenleser. Frauen und Kinder, die keine Landwirtschaft hatten, haben die noch
liegen gebliebenen Ähren aufgelesen, zu Hause ausgerieben und dann ihrem
Schwein verfüttert. Im Krieg wurden die Körner auch in der Kaffeemühle gemahlen
und Kuchen davon gebacken. War man mit der gesamten Ernte fertig, wurde am
kommenden Samstag Streusel- und Mohnkuchen gebacken und alle, die in der Ernte
geholfen haben, wurden sonntags zum Erntefest eingeladen. Vor den Ernteferien
lernten wir in der Schule schon das Gedicht „Wagen auf Wagen schwankte herein“.
Meistens
war die Scheune bis unters Dach voll und wenn Körner gebraucht wurden, wurde
gedroschen. So auch am 1. September 1939. (Ein
Nachbar kam zu uns in die Scheune und erzählte meinem Vater, dass seit heute
morgen Krieg ist. Mein Vater stellte darauf die Dreschmaschine ab und die
Erwachsenen unterhielten sich eine zeitlang mit ernster Miene. Ich, 12 Jahre,
hatte ein Gefühl der Sensation, dass ich in meinem Leben einen Krieg erlebe,
von dem die älteren Leute immer erzählten, als sie mit Pferd und Wagen in
Frankreich bei der Artillerie oder Kavallerie waren, von Stellungskrieg und der
Schlacht bei Verdun und so vieles mehr. So wie für uns der erste Weltkrieg
unvorstellbar war, so können auch unsere Kinder Doris
und Axel und dessen Nachkommen Kai und Ina
sich keine reelle Vorstellung von den Tatsachen des zweiten Weltkrieges machen.
Leider gehört auch das zu meinen Erlebnissen der Kinderjahre. Von den
Kriegsgeschehen blieb Schlesien vorläufig noch verschont, sodass ausgebombte
Mädchen unseres Alters vom Rhein zu uns kamen. Die rheinischen Mädchen hatten
auch damals schon Temperament. Einige Günhartauer Jungen konnten von ihnen
schon was lernen und wenn es das küssen war.
Es
wird schon vor Kriegsausbruch gewesen sein, da haben wir Jungens auch einmal
Krieg gespielt. Wir banden ein altes Ofenrohr als Kanonenrohr auf ein altes
Kinderwagengestell. In das Rohr kam eine Blechbüchse mit Deckel, dessen Boden
ein Loch hatte. In die Büchse kam Cabit und etwas Wasser. Genauso machen es auch unsere Enkel mit einer
Kartoffelkanone aus Abflussrohren. Dann hielten wir ein brennendes
Streichholz an das Loch und es gab einen Knall und der Deckel flog (vielleicht)
zum Rohr heraus. Ob das Oberdorf gegen das Unterdorf kämpfte, weiß ich nicht
mehr. Auf einmal hieß es, der Gendarm sucht das Dorf ab, wo die Knallerei
herkommt und der Kampf war ohne Verluste beendet.
An
ein anderes Erlebnis werde ich beim Grünhartauer Treffen von Naefe Hans erinnert. Ich kam vom Schulacker, der auf
Grögersdorf zu lag, und fuhr mit dem Fahrrad die Gasse Conrad-Naefe-Plaeschke.
Beim Naefe kläffte mich von der einen Seite ein kleiner Hund an. Von der
anderen Seite kam Naefes Basso (großer Kerl) und biss mir in das Bein. Pflichtbewusst
wie ich war fuhr ich weiter in die Schule zum Modelbau, wo ich auch hin wollte.
Auf einmal stand das Blut im Schuh und ich wurde nach Hause geschickt. Aber da
war ja niemand. Ich schickte ein Nachbarkind mit dem Fahrrad aufs Feld, um
meine Mutter zu holen. In der Zeit habe ich im Hof auf dem Pumpenstein mein
Bein abgewaschen und ich hatte eine Schüssel voll Blutwasser. Die Mutter rief
von der Post aus den Doktor aus Markt-Bohrau an, der auch noch am selben Tage
kam, und gab mir eine Spritze. Bis ins hohe Alter sah man die drei Zahnlöcher,
vorn 2 und hinten in der Wade eins. Heute werden sie von den Krampfadern
überdeckt. So verlief vor 65 Jahren ein Unfall.
Anfang
des Herbstes kam in der Landwirtschaft die nächste große Arbeit, die
Kartoffelernte. Die Kartoffeln wurden mit der Kartoffelschleuder aus der Erde
breit hingeworfen, dann aufgelesen (Kartoffeln klauben) und auf den Wagen
geschüttet. Zu Hause wurden sie entweder in den Keller oder in die Miete
(Kartoffelschanze) abgeladen. Das Feld wurde geeggt und die Eggenkartoffeln
geklaubt (Klauben: nach „Duden“ mit Mühe aufsuchen). Das trockene
Kartoffelkraut wurde später auf Haufen gemacht und angezündet. Das
Kartoffelfeuer war für uns Kinder eine Art Belohnung für das Kartoffel klauben.
In das Feuer wurden Kartoffeln geworfen, die dann im Feld mit der Vesper schniete (Brot) gegessen wurde. Unsere
dreckigen Finger trugen dazu bei, dass die Heilerde, die der Mensch ja braucht,
ergänzt wurde. Aber trotzdem bin ich auch krank geworden und habe in einem Jahr
keine Kartoffeln geklaubt. Ich hatte Diphtherie, musste drei Wochen im Bett
liegen und drei Wochen in der Stube bleiben, so war das damals. Da die Eltern
und Bruder Feldarbeit machen mussten, war ich viel allein. Krankenschwester
Martha kam mich regelmäßig besuchen und später machte sie auch die Abstriche.
Die sechs Wochen wurden zur Ewigkeit. Besonders die ersten drei Wochen im Bett.
Wenn abends die Kartoffelwagen nach Hause fuhren, habe ich gelauscht, wann
endlich unsere nach Hause kamen. Wie man heute Traktoren und Autos am Geräusch
erkennt, so kannte man damals den Schritt der Pferde und das Rattern der Wagen.
„Wo bleiben sie nur, doch jetzt kommen sie, das sind sie“, war dann die
Erlösung, denn es war schon längst dunkel. Die 3 Wochen in der Stube, die waren
schon abwechslungsreicher, denn ich konnte vom Fenster aus die Straße und den
Paschkehof beobachten. Wegen der Ansteckungsgefahr kam mich auch niemand
besuchen.
Nach
den Kartoffeln wurden auch die Futterrüben ausgemacht. Sie wurden ausgerupft
und auf eine Reihe gelegt. Frauen und ältere Kinder nahmen die Rübe in die
linke Hand, mit der Rechten wurde das Kraut mit einem Hacker (halbe Sichel)
abgehackt. Die Rübe wurde auf einen Haufen geworfen. Bei der Zuckerrübe ging es
ebenso, nur wurde diese mit einem Gräbel ausgegraben, weil die Zuckerrübe
tiefer steckt. Die Futterrübe wurde auch im Keller und in der Miete gelagert.
Die Zuckerrüben wurden in die Fabrik gefahren später auch auf die Niederlage
auf Grögersdorf zu. Die Zuckerrübenwagen wurden früher schon wie auch heute
noch mit Wasserdruck in der Fabrik entleert. Die Rüben zum Sirup kochen, wurden
schon auf dem Feld ausgelesen. Da jede Rübe einzeln ausgegraben wurde, zog sich
die Ernte in die Länge und wurde von Regen und Schneeschauern behindert.
Wenn
die Herbstsaaten gesät waren, wurde de Winterfurche gepflügt. Auf großen
Gütern, die z.B. Äcker von über 25 ha hatten, wurden auch Dampfflüge
eingesetzt. Ein großer Mehrschaarpflug wurde mit einem langen Drahtseil von
einer Seite des Feldes über dem Acker zur anderen Seite von zwei Dampfmaschinen
hin und her gezogen und so den Acker gepflügt. Aber bei uns Kleinen wurde mit
dem Einschaarbeetpflug gepflügt, der früher noch vom Kutscher geführt wurde.
Später gab es den Selbstgänger, der sich selbst führte, wenn er richtig
eingestellt war und das Gespann geradeaus lief. Eine gerade Furche war damals
wie auch heute noch das Spiegelbild des Kutschers und heute des Fahrers. Ich
war schon ein bisschen älter, aber höchstens 14 – 16 Jahre alt, als ich auf
Grögersdorf zu auf dem Feld gepflügt (geackert) habe. Da kam mir das Gedicht
„Feierobend“ so in den Sinn. Beim Aufsagen so hinterm Pflug dachte ich mir:
„Wie für mich gemacht“.
Feierobend!
Immer
gieh’, mein Brauner gieh’,
immer
vurwärts, hott’ un hie’.
Is gieh’n strengt
oan eim frischen Boden
heeß vum
Rick’n steigt der Broden.
Gel’, der
Pflug wird’ dir schun schwer
na, noach
dreimool hie und her.
Trieste
dich, mei’ gudes Tier
mir
gieht’s akkurat wie dir.
Lange
hoalt’n mer nimmer Stange,
Feierobend
winkt schun lange,
denn die
schwoarzen Kräh’n, die Wackern
mietgewatschelt
uff’n Ackern
sein schun
längst eim grußen Bog’n
ei jen
schwoarzen Pusch geflog’n.
Birr, mein
Brauner, nu’ ist’s Ruh’
free dich,
is gieht der Krippe zu.
Siech,
jitz kumme schun die Sterne
un vum Derfel
ei der Ferne,
wie een
Willkumm-Gruß, een lieber,
klingt die
Obendglocke rieber.
Bis
zum Winter gab es aber noch viel zu tun. Wie ich schon erwähnte, wurden die
Kartoffelfelder geegt, gepflügt und gesät. Nach jedem Arbeitsgang wurden von
uns Kindern die Kartoffeln aufgelesen. Das gab doch wieder ein paar Sack voll
und man konnte damit wieder ein paar Schweine füttern, so wurde damals
gerechnet. Damals war das auch für die großen Höfe unrentabel. Deshalb gingen
Nichtlandwirte auf diese Äcker und haben für ihr Schwein diese Kartoffel
gelesen (Kartoffel stoppeln). Im Sommer hatten sie die Ähren gelesen, jetzt die
Kartoffeln und ihre Küchenabfälle dazu, so konnten auch diese Leute zu
Weihnachten ein Schwein schlachten. Im Krieg haben wir Schulkinder auf einem
großen Gut diese Kartoffeln gelesen, ich glaube es waren ein paar Wagen voll.
Für
die Kartoffeln und Rüben im nächsten Jahr musste auch der Mist gefahren werden.
Der Wagen wurde an den Misthaufen gestellt, der dann von Frau und Kindern voll
geladen wurde. Der Vater fuhr ihn aufs Feld und zog ihn mit dem Misthaken auf
Haufen ab. In der Zeit wurde der andere Wagen voll geladen. Oben vom Misthaufen
den unvergorenen Mist aufzuladen war kein Problem, aber der Speckige aus der
Grube auf den hoch stehenden Wagen zu werfen war Schwerstarbeit, sowie auch das
Mistbereiten, das Auseinanderwerfen. Die Miststreuer waren in der Traktorenzeit
ein Segen, auch die Mistgreifer und Frontlader zum Mistladen.
In
Spitzenzeiten der Arbeit wie zur Erntezeit beim Dreschen und Rübenvereinzeln
wurden wir Kinder gefordert und ersetzten eine Arbeitskraft. Meine Ausführungen
über unsere Kinderarbeit soll kein Jammern sein, es ist eine Feststellung, dass
es in dieser Zeit so war. Nachträglich kann man sogar sagen, unser Wissen und
Können hat uns in der schlechten Zeit viel geholfen, bei vielen sogar am
Überleben. Wir hatten außer unserer Arbeit auch noch Freizeit genug, um
Dummheiten zu machen. Was wir nicht hatten, war Langeweile. Wir sind in den
Scheunen herumgeklettert und von den Balken ins Stroh gesprungen. Auch haben
wir um die Wette Eier ausgetrunken. Dann sind wir hinten raus ins Gebüsch
(Püschla) gegangen und haben mal an einer Zigarette gezogen. Dass Mütter
„Hellseher“ sind erlebt man als Kind öfters, aber einmal war ich doch verblüfft.
Wir waren wieder einmal im Püschla mit etwa vier Mann und einer Zigarette. Weit
und breit war niemand zu sehen. Als ich nach kurzer Zeit nach Hause kam, sagte
die Mutter: „Du kummst aus dem Mittmann Püschla und ihr habt gerocht.“ Das kann
doch nur so eine alte Tante gewesen sein, die uns doch gesehen hat, und ist
sofort aufs Fahrrad zu meiner Mutter um zu petzen, denn Handys gab’s vor 65
Jahren noch nicht.
Bei
dem Wort Fahrrad muss ich an eine andere alte Tante, an die Kirschke Ernstine
denken, denn die hatte noch ein Fahrrad ohne Freilauf. Kam die Tante damit zu
uns, war es unser größtes Vergnügen, damit zu fahren. Wenn wir damit in Schwung
kamen, wurden unsere kleinen Beine von den Pedalen wieder hoch gedrückt. Man
musste damit ja immer treten. Stillstand gab es nur beim Absteigen. Ernstine
kam auch zu uns zum Füttern und Melken, wenn die ganze Familie mit Pferd und
Kutschwagen fortfuhren, wie zum Beispiel nach Senits zur Konfirmation. Ernstine
tat dann bei uns „der heeme hüten“.
So
auch als wir 1943 eine junge Aushilfskraft hatten und Ernstine mit ihm gemolken
hat. Ernstine hat auch kontrolliert, ob der junge Mann die Kühe richtig
ausgemolken hat. Danach setzte er sich unter Ernstines Kühe und hat die
nachgemolken. Ernstine war fassungslos: „“Das ist mir im ganzen Leben noch
nicht passiert, dass jemand meine Kühe nachmelkt.“ Sie fühlte sich zutiefst
beleidigt und in ihrer Ehre verletzt. So war es auch bei den Knechten der
Bauern. Die Pferde, mit denen sie fuhren, waren ihre Pferde. Sie trugen die Verantwortung
für ihre Gesundheit, Aussehen und Leistung und ließen auf sie nichts kommen.
Das haben auch zwei grünhartauer Jungen erfahren, als
sie beim Kutscher Gleich aus Karolinenhof auf den leeren Wagen „uffgehuckt“
sind. Sie sind von hinten auf den Wagen geklettert und mitgefahren. Das wurde
von uns Kindern öfters getan. Sie gingen auf dem Wagen zum Kutscher. Nach einer
Zeit sagte der Eine: „Die aale Böck wulln och nicht mehr su lofen.“ Kutscher:
„Was, du sagst zu meinen Pferden Bock. Runter von dem Wagen.“ Da konnte sich
der Andere das Lachen nicht mehr verkneifen und der Kutscher sagte gleich:
„Was, und du noch Lachen, auch runter von dem Wagen!“ Durch die Beleidigung der
Pferde fühlte sich auch der Kutscher in seiner Ehre verletzt. Die zwei Jungen konnten
froh sein, dass sie nicht noch ein paar Peitschenhiebe bekamen. Das konnte aber
mit Sicherheit einem passieren, wenn er versuchte von einem durchfahrenden
Zuckerrübenwagen ein paar Zuckerrüben zum Sirup kochen vom Wagen zu holen.
Auch
die kleinen Landwirte konnten sich damals fast selbst versorgen. Nur
Kleinigkeiten wurden dazu gekauft. Die Milch kam nach dem Melken durch die
Zentrifuge (Schleuder). Das ergab Rahm und Magermilch. Für uns war das
Schleudermilch. Wenn wir Kinder die Zentrifuge brummen hörten, nahmen wir
unsere Tasse (Tipla), hielten sie darunter und tranken 1-2 Tassen kuhwarme
Schleudermilch. So eine Spielerei und Untugend von uns Kindern war auch im
Kuhstall. Wer konnte sich am Besten die Milch aus dem Strichen in den Mund
melken. Auch wurden Zuschauer in Kuhstall beim Melken mit einem Strahl Milch
bespritzt, nach Möglichkeit ins Gesicht wie Ohren, das nur mal nebenbei.
Wenn
von etlichen Tagen genug Rahm vorhanden war, wurde gebuttert. Das ergab wieder
Butter und Buttermilch mit Butterklümpchen. Die Butter, die wir nicht selbst
verbrauchten, wurde vor dem Krieg der grünhartauer Handelsfrau Ludwig –
Ohnesorge verkauft sowie auch andere Produkte. Den Mann von Frau Ohnesorge traf
ich 1946 Im Ural in russischer Kriegsgefangenschaft. In Grünhartau habe ich ihn
nicht gekannt.
Die
Zentrifuge und das Butterfass wurden mit der Handkurbel gedreht. Im Krieg
musste die Milch an die Molkerei abgeliefert werden. Butter für den eigenen
Verbrauch und Magermilch bekamen wir zurück. Die Magermilch schmeckte aber
nicht so wie früher die Unsere. Auch andere landwirtschaftliche Erzeugnisse
mussten abgeliefert werden. Für den eigenen Bedarf blieb uns noch soviel, dass
wir für uns Brot und Kuchen backen konnten. Außerdem hatten wir noch Gänse, Hühner,
Fleisch, Eier, Zucker, Mohn, Senf, und eine ganze Tonne voll saure Gurken sowie
Obst, Gemüse und Sirup. Wir kochten im Herbst / Winter ca. 100 Liter Sirup,
aber nicht nur für uns, auch für die Verwandtschaft. Ein Eimer voll ging jedes
Jahr nach Berlin zu Verwandten. Die anderen Kleinigkeiten zum Leben holten wir
beim Kaufmann, Brot vom Bäcker, wenn unseres nicht bis zum Samstag (Backtag)
reichte, vom Fleischer ab und zu eine Knoblauchwurst, denn wir hatten ja vom
Hausschlachten Fleisch und Wurst geräuchert und Bratenfleisch und andere
Wurstsorten in den Gläsern eingekocht. Davon lebte man ein ganzes Jahr und
teilte es eben ein. Aber Sonn- und Feiertags gab es Fleisch und Klöße mit
Sauerkraut und einer fetten Rahmsoße. Dem Käsemannla (Käsemann), das regelmäßig
kam, wurde auch ein Quargla abgekauft. Die Bürstemutter von Münsterburg machte
auch ihr Geschäft, denn Tische, Bänke und Dielen wurden jeden Samstag mit der
Wurzelbürste und Kernseife geschruppt. Da war immer wieder mal eine Bürste
fällig.
Auch
ein Reisender mit Eutersalbe und Staucherfett wollte was verkaufen. Wir Kinder
haben ihm immer nach gemacht, weil er das Euter und Staucher so extrem stark
betonte.
Wetter
und Arbeit ging nahtlos vom Herbst in den Winter über. Die Rüben und
Kartoffelmieten mussten mit einer dicken Winterdecke versehen werden, denn die
Winter waren kalt. Die Rübenblätter wurden damals bei uns schon silirt. Von der
Zuckerfabrik holten wir auch Nassschnitzel, die zwischen den Rübenblättern mit
silirt wurden und ein gutes schmackhaftes Winterfutter für die Kühe gab.
Auch
musste immer wieder gedroschen werden, damit die Körner verkauft werden
konnten. Auch das Holz, um den Backofen zu heizen, holten wir zu dieser Zeit
aus dem Dürrhartauer Wald. Es waren lange Äste, die wir mit dem Wagen nach
Hause fuhren. In einer arbeitsarmen Zeit machte man daraus die backofengerechte
Holzgebunde. Nach längerer Trocknung wurden sie dann bei Bedarf verfeuert.
1943/44, als ich nach Gurtsch in die Landwirtschaftsschule ging, stellten wir
den Antrag auf einen Bezugschein für eine Dreschmaschine, da unsere alt war und
keine Reinigung hatte. Beim Händler Ilgner in Streklen stand eine solche zum
Verkauf. Der Antrag wurde abgelehnt. Begründung: In Grünhartau sind genügend
Dreschmaschinen vorhanden. Nachbarschaftshilfe ist möglich. Im Krieg und
nachher bis zur Währungsreform 1948 bekam man nur auf Bezugschein oder auf dem
Schwarzmarkt was zu kaufen. Lebensmittel gab es nur auf Marken Auch das
Hausschlachtschwein wurde gewogen. War es schwerer wie es einem zustand, dann
musste es abgegeben werden.
Die
aller schlechteste Zeit war von 1945 bis 1948. Da
waren auch Millionen Ausgebombte, Vertriebene und Flüchtlinge, die in Wohnungen
und Hallen zwangseingewiesen wurden, damit sie ein Dach über dem Kopf hatten.
Viele hatten nichts, aber auch gar nichts. Ein ehrlicher Mensch konnte in
dieser Zeit kaum überleben. Wie sagte man damals: „Ich habe mir was
organisiert.“ Traurig aber wahr. Ich muss immer an die letzten Kriegsjahre
denken, als einzelne Menschen hinter vorgehaltener Hand sagten: „Genieße den
Krieg, denn der Frieden wird schrecklich werden.“ Auch die Parole „Räder müssen
rollen für den Sieg“ wurde ergänzt mit „Kinderwagen für den nächsten Krieg“.
Ein Marktschreier rief: „Schöner Hering, so dick wie der Göring!“ Er wurde 8
Tage eingesperrt. Danach rief er wieder: „Schöner Hering, so dick wie – darf
ich nicht mehr sagen, sonst geht es mir wie vor 8 Tagen!“ Solche Äußerungen zu
verbreiten oder nicht anzuzeigen, konnte damals
gefährlich werden. Das nannte man glaube ich „Wehkraftzersetzung“. Ja, diese
Zeit lässt einen nicht los, man kommt immer wieder in das Fahrwasser dieser
schmerzlichen Erinnerungen. Deshalb will ich wieder zu den schöneren
Erinnerungen der Kindheit wechseln.
1942/43
war der schneereichste Winter des Krieges. In dem Winter ist auch der
Schneepflug, der von Pferden gezogen wurde, stellenweise nicht mehr
durchgekommen. Auch die Straße auf Bärzdorf zu musste immer wieder
freigeschaufelt werden, damit das Milchauto durchkam. Ich erinnere mich, dass
eines Tages ein LKW mit Schneepflug von Strehlen kam und die Durchfahrt der
Straßen breiter machte. Der Schnee blieb auch lange liegen, sodass die Straße
eine Eisbahn war. Wir haben uns auch die Schlittschuhe schon zu Hause
angeschnallt und liefen damit zum Teich auf das Eis. Kam ein Pferdeschlitten
des Weges, so hielt man sich fest und fuhr mit. Auch am Milchauto habe ich es
einmal probiert. Es fuhr zwar nicht schnell und nur von einer Abladestelle zur
anderen, doch habe ich es nie wieder gemacht. Die holprige Straße und das Tempo
haben mir gereicht. Im Winter mussten auch die Pferde bewegt werden. Das war
der beste Anlass eine Schlittenparty zu machen. Damit das Pferd auf der
vereisten Straße laufen konnte, schraubten wir erst einmal die scharfen
H-Stollen in die Eisen und band die Klingel an das Geschirr, denn das war auch
Vorschrift. 4-8 Rodelschlitten banden wir dann hintereinander an und im Trabe
und Zick-Zack-Kurs ging es über die Straße, damit besonders die letzten
Schlitten schleuderten und im Schnee kippten. Ja, da kam Freude auf. Die alte
Sandgrube war eigentlich unsere einzige Schlittenabfahrt. Auch da wurde
gerempelt und andere ins Schleudern gebracht. Aber auch friedlich ging es rauf
und runter, bis wir dann abends nach Hause gingen. Die Hosenbeine waren
gefroren, sodass man sie zu Hause hinstellen konnte. Aber am Kachelofen, den ja
jedes Haus hatte, tauten sie wieder auf.
In
diesem Winter nahm ich auch einen Skilehrgang im Glatzer Schneeberg teil. Mit
15 Jahren war das die erste vormilitärische Ausbildung. Die zweite im
Wehrertüchtigungslager (WE) war schon intensiver Drill von SS-Ausbildern und fand im Sommer 1943 statt, der 3 Wochen dauerte.
Da
ich der Jüngste von uns drei Jungen in der Familie bin, erbte ich
Kleidungsstücke von den Älteren, so auch die Schlittschuhe, die alten
Absatzreißer. Doch an einem Weihnachtsfest bekam ich neue mit Hohlschliff. Ich
war glücklich über so ein schönes Geschenk. Als wir noch kleine Kinder waren,
ging der Vater am heiligen Abend mit uns in die Kirche. Jeder nahm eine Kerze
mit, die wir anzündeten. Drei Mädchen des 8. Schuljahres sagen jedes Jahr das
Lied „Vom Himmel hoch“. Nach dem Gottesdienst gingen wir nach Hause, wo die
Mutter mit dem Essen auf uns wartete. Das Christkind war auch schon da gewesen.
Nach dem Essen und Geschenke auspacken spielten wir auch einmal mit Vater und
Mutter „Mensch ärgere dich nicht“, „Miele“ und „Dame“, was sonst im ganzen Jahr
nicht vorkam. Nachdem wir die Mohnklöße (Mohnkließla) gegessen hatten, ging es
noch mal in den Stall und das Vieh bekam auch eine Weihnachtsration Futter. Da
gab es auch noch viele andere Gebräuche zwischen den Jahren.
Wie
mein ältester Bruder Max erzählt, gab es auch vor der Konfirmation vor dem
ersten Abendmahl den Brauch der Abbitte bei den Eltern. Sie lautet: „Da ich
gewillt bin vor den Tisch des Herrn zu treten, bitte ich um Vergebung der
Sünden, die ich begangen habe in Worten, Taten und Werken.“ Ich kannte diesen
Brauch bisher nicht.
Die
schönste Jahreszeit war für uns Kinder wohl der Winter, aber doch gefährlich,
wenn ich an das Bugeislaufen denke. Das Eis
ist, wenn es taut, in einem bestimmten Stadium so, dass es nachgibt, also sich
biegt, aber nicht gleich bricht. Darauf laufen ist Bugeislaufen oder
Schifflatraten (Schiffchentreten = Eisschollen treten). Das Eis wurde mit der
Axt in größere Eisschollen gehackt und dann lief man von einem zum anderen. Da
das Eis nicht lange in solch einem Zustand war, wurde das nur kurze Zeit
gemacht; aber es wurde gemacht.
Ende
des Winters lernten wir das Gedicht „Hoffnung“ und „und dräunt der Winter noch
so sehr“ und freuten uns auf den Frühling. Auch lernten wir in schlesischer
Mundart „März, März, alle Tage schinner wärz“. Dieses Gedicht ist mir gut in
Erinnerung geblieben. Ich hatte gerade ein volles, also ein altes Schreibheft
vor mir liegen, als wir es gemeinsam aufsagten. Als es
am Schluss des Gedichtes hieß „Du altes Heft lof zu lof zu“, da gab ich mein
Heft meinem Nachbar und mit einer winkenden Handbewegung sagte ich „lof zu lof
zu“. Das hat auch mein Lehrer gesehen und prompt gab es eine Strafarbeit.
Dieser Lehrer war unser Hauptlehrer Fritz Klose. Als wir 1942 aus der Schule
entlassen wurden, sagte er zu mir: „So, Ernst. Ab heute sagst du Onkel Fritz zu
mir.“ Fritz Klose und mein Vater waren Cousins. Ich hatte nicht mehr die
Gelegenheit Onkel zu sagen. Es wäre mir auch schwer gefallen diese
Respektsperson mit Onkel Fritz anzureden.
Ich
will aber noch mal zurück in die friedliche Kinderzeit mit 12 Jahren kommen.
Der Onkel aus Strehlen hatte sich ein hunderter Sachsmotorrad gekauft. Er kam
nicht nur zu Besuch, er kam uns auch mal helfen. Wenn er wieder nach Hause
fahren wollte, war meine Frage: „Darf ich das Motorrad antreten?“ Ich durfte!
Zuerst ein paar Runden im Hof, dann auf der Straße bis zu Fuches und zurück.
Auch hinterm Dorf auf dem Feldweg bin ich einmal gefahren. Das machte in diesem
Alter Spaß. Es war damals kaum Verkehr. Auch beim Lindenblüten pflücken auf den
Straßenbäumen konnte die Leiter mit einem Fähnchen dran auf der halben Straße
stehen. Auch mit anderen Teepflanzen wie Kamille, Pfefferminze und Schlafgarbe
wurde die Hausapotheke aufgefüllt. Brennnesseln brauchten wir für unsere
Geflügelküken. Wir hatten nämlich auch 2 Gänse und einen Gänserich (Gansch).
Die Gänse legten im Frühjahr die Eier, die wir jeden Tag holten und zeichneten,
und wenn die Gänse brüteten, wurden ihnen die Eier untergelegt. Die Eltern
konnten das tun, auch wenn der Gansch dabeistand. Aber wehe wir Kinder kamen in
die Nähe, da wurden wir angezischt und der Gansch ging gegen uns. Wenn er mit
dem langen Hals vor uns stand und uns beißen wollte, nahmen wir ihn am Hals,
darin hatten wir schon Übung, und schleuderten ihn fort. Kaum stand er auf der
Erde, da kam er wieder. Das waren wohl raue Sitten für uns Kinder, aber es war
nur Selbstverteidigung. Auch einzelne Hühner (Glucken) wurden auf die Eier zum
Ausbrüten gesetzt. Die saßen so aufgefiedert auf ihren Eiern und machten sich
noch mal so breit wie sie waren. Wenn wir Kinder einmal (nicht immer) so „breet
lümmlich“ am Tisch saßen, da kam der Mutter auch mal über die Lippen: „Du
fletscht dich do wieder hin wie ne Brütt-Henne. (Du machst dich so breit wie
eine brütende Henne)“. Fletschen kann man nicht übersetzen. Wenn die Gänseküken
(Gansla) und die Hühnerküken (Schiperla) den Hof bevölkerten, gab es für uns
Kinder zusätzliche Arbeit: Brennnesseln holen. Die ersten jungen Brennnesseln
holten wir in der Schnabelei. Das kleine Wäldchen war nicht nur für die zarten
Brennnesseln bekannt. Auch für junge Liebespaare soll es ein Anziehungspunkt gewesen
sein, haben wir damals gehört (und gesehen). Die Brennnesseln wurden mit dem
Wiegemesser zerkleinert und Brotkrümel darunter gemischt. Das war das erste
Kükenfutter. Die Glucke kam über Nacht mit ihren Küken in einen leeren
Schweinestall und wurden wieder früh herausgelassen.
Während die Glucke zur Stalltür hinausging, liefen die kleinen Küken in der
immer tiefer werdende Jaucherinne in die Jauchegrube. Beim Stall saubermachen
wurde vergessen den Stein vor das Loch zu legen. Wir waren alle sehr traurig.
Das ist uns auch nie wieder passiert.
Wir
haben aber auch einmal beim Getreidemähen mit dem Binder über ein Rebhuhnnest
gemäht. Die Küken haben es überlebt, aber die Henne nicht. Die Kleinen haben
wir eingefangen und zu Hause im Hof in einem großen Kaninchenstall groß
gefüttert. Sie waren trotzdem wild. Eines Tages haben wir den Stall aufgemacht
und fort waren sie im Feld.
Unsere
Hühner wurden früh aus dem Stall gelassen und liefen dann in Hof, Garten und
Scheune herum. Sie hatten ihre Nester im Hühnerstall, legten trotzdem auch Eier
in die Scheune. Es ist auch schon einmal vorgekommen, dass eine Henne sich in
einer Strohhöhle ein Nest machte, Eier legte und sie dann ausbrütete. Eines
Tages kam sie mit den Küken. Deshalb begriffen andere Hühnerhalter ihre Hühner.
Wenn man fühlt, dass die Henne kein Ei zum Legen hat, dann kann sie raus. Die
anderen Hennen blieben eingesperrt, bis sie gelegt hatten. Nicht nur die Kinder
wurden früher streng erzogen, sondern auch die Hühner. Wenn im Mai die
Maikäferzeit kam, gingen wir früh mit den Hühnern in den Garten und schüttelten
die kleinen Bäume. Da fielen die Maikäfer herunter und die Hühner fraßen sie.
Die waren aber schnell satt. Die Maikäfer fliegen,
wenn es dunkel wird und lassen ich auf Bäumen nieder, dessen Blätter sie
fressen. Kastanien fressen sie am Liebsten, sodass die Bäume schnell kahl sind.
Schmecken taten die Maikäfer mir nicht, das habe ich in der Pause auf dem
Schulhof gemerkt, als ich meine Schnitte (Schulbrot) biss und ein Marienkäfer
gerade darauf saß.
Die
verpupten Maikäfer, die Engerlinge, sind beim massenhaften Auftreten
Schädlinge, weil sie die Wurzeln von Pflanzen abfressen, so auch von jungen
Rübenpflanzen. Die Rüben werden welk und sterben ab. Das wissen aber auch die
Krähen und picken neben der welken Pflanze die Engerlinge heraus. Diese
Erfahrung stammt aus Grünhartau, denn hier gibt es keine Maikäfer.
Wie
heißt es doch im Märzgedicht: „Der Pauer rufft uffs Feld, uffs Feld“. Das heißt
bei abgetrocknetem Boden kam die Frühjahrsbestellung voll in Gang. Hafer und
Sommergerste wurden gesät, sowie auch die Rüben. Bei den Rüben wurden damals
noch Normalsamen gesät. Um einen gesicherten Pflanzenbestand zu erzielen,
wurden viele Samenkörner ausgesät. Da standen rechnerisch bis zu 2 Millionen
Pflanzen pro Hektar. Aber alle 18-20 cm sollte nur eine Pflanze stehen. Das
sind aber nur 80.000 pro Hektar. Deshalb musste vereinzelt werden, wozu man
viele Arbeitskräfte brauchte, besonders Kinder. Mit dem einkeimig pilierten
Saatgut ist heute das Problem gelöst. Die Kartoffeln kamen zuletzt dran, denn
die Bauernregel sagt: „Legste mich im April, komm ich wann ich will. Legste
mich im Mai, do komm ich glei.“ Früher wurde eine Furche gezogen und jede
Männerschuhlänge wurde eine Kartoffel gelegt. Später wurden mit dem
Vielfachgerät Löcher zum Legen gemacht und heute wird mit der vollautomatischen
Maschine gelegt.
Was
trank man so damals bei der Arbeit? Korn- oder Gerstenkaffee wurde in der
Kaffeemühle gemahlen und kam in den gusseisernen Kaffeetopf, der auf der
Ofenbank stand. Ein Kaffeezusatz Zichorie kam dazu und das wurde mit heißem
Wasser aufgebrüht. Daraus holte man sich etwas, wenn man Durst hatte. Im Feld
trank man auch Kaffee und Tee, den man selbst hatte, und wenn man nach Hause
kam, trank man Pumpenwasser. Im Sommer wusch man sich erst den Kopf ab vom
Schwitzen, dann Hände und Arme; alles unter der Pumpe. Jetzt kam das kühle
Wasser aus 20 Meter Tiefe, das wurde aus den Händen getrunken. Ein besonderes
Getränk wurde mit einer Tasse kaltem Wasser, einem Teelöffel Zucker, ein paar
Tropfen Essig und einer Messerspitze Natron hergestellt. Das war unser
Bullerwasser. Auch kam zur bestimmten Zeit das Peterwitzer Jungbierauto.
Manchmal holten wir uns davon ein Kännchen voll.
In
der Landwirtschaft, aber auch in anderen Berufen und Tätigkeiten fing man früh
mit der Arbeit an. Da das Milchauto, das die Milch abholte, schon früh um 6 Uhr
bei uns war, mussten zu dieser Zeit die Kühe gemolken sein und die Milchkannen
vor unserem Haus an der Sammelstelle sein. Der Paschkehof gegenüber von uns,
mit 60 ha Land, hatte für den Kuhstall einen Schweizer (Melker). Der fing früh
um halb 3 Uhr an zu füttern, misten, melken, u.s.w…. Auch die Knechte und Mägde
waren um 5 Uhr am Arbeitsplatz. Die Pferde mussten zwei Stunden fressen können.
In dieser Zeit wurden sie geputzt und gemistet und der Wagen zur Abfahrt um 7
Uhr vorbereitet. In unserem Kleinbetrieb wurden von der Familie alle Groß- und
Kleintiere versorgt und nach dem Frühstück ging es an die Hof- oder Feldarbeit.
Wir Kinder gingen auch noch zur Schule. Wenn wir später nach Hause kamen und
die Eltern waren auf dem Feld, lag ein Zettel auf dem Tisch: „Essen steht im
Röhr, komm mit dem Fahrrad auf’s Mittelfeld.“ Das Röhr
war im Kachelofen über der Kochplatte. Da wurde unter anderem das Essen zum
warm halten hingestellt. Der Kachelofen heizte unter anderem
zwei Stuben und es wurde auf der Kochplatte im Ofen mit Dampfabzug gekocht. Im
Wasserschiff wurde noch nebenbei warmes Wasser für alle Zwecke bereitet. Es war
eine vielseitige Heizanlage.
Selbstverständlich
war es, dass nach dem Essen alles gespült und weggeräumt wurde. Da wir 3 Jungen
waren, wurden auch Mädchenarbeiten von uns verlangt. Besonders von mir, weil
ich der Kleinste war. Wenn ich zum Beispiel samstags aus der Schule kam, die Eltern
waren im Feld, habe ich öfters auch mal Tische, Bänke und Stühle mit Bürste und
Seife geschrubbt. Es war alles aus massivem Holz. Besonders eine Bank, ein
Erbstück aus Berlin, wurde von Besuchern wegen den Schnitzereien in der Lehne
bewundert. Für uns war es ein Dreckfänger, weil wir mit der Wurzelbürste nicht
dazwischen kamen und es dunkel aussah. Auch die Fußbodendielen sowie Hausgang
und Küche, wo der Backofen, Herd und Kessel standen, wurde der Fußboden
geschrubbt, dass die Ziegel rot leuchteten. Das habe ich sogar gerne gemacht.
Die Dielen wurden später erneuert und gestrichen, also nicht mehr geschrubbt.
Ich habe nämlich beim Dielen ein Büchse mit einem Zettel unter die Bretter
getan mit den Worten: „Heute Nacht ist die Windmühle abgebrannt.“ Es muss wohl
vor 1939 gewesen sein. Auch im Keller unserer Scheune in Grünhartau hab ich
mich im Vorputz mit „9.6.42 EB“ verewigt. Bei unserem Besuch 1996 habe
ich das entdeckt. Das habe ich in meinem Leben öfters bei Neubauten und
Umbauten getan.
Wieder
zurück zu unserer Hausarbeit. Die Schulaufgaben haben wir nur abends gemacht.
Wenn ein Knopf ab war, mussten wir ihn auch selbst wieder annähen. Auch
Strümpfe wurden öfters mal selbst gestopft. Wenn sie dann drückten, war man
selbst dran Schuld, und machte es das nächste Mal besser. Besonders im
Spätherbst, wenn der Vater schlachten ging, war die Mutter überlastet. Sie war
für Innen und Außen zuständig. Auch musste sie für den Vater jeden Tag zwei
gewaschene und gebügelte Fleischerjacken und –schürzen haben. Fast jeden Abend
bügelte (plättete sie mit dem Platteisen) sie die Jacken und Schürzen. Da kam
erst der Glühbolzen aus dem Platteisen ins Feuerloch. Wenn er glühte, kam er in
der Eisen zum Plätten und der zweite kam ins Feuer.
Die Jacken bügelte die Mutter selbst, das Schürzen bügeln habe ich ihr öfters
mal abgenommen. Wenn die Mutter dann spät abends zur Ruhe kam und wollte in die
Zeitung gucken, dann vielen ihr die Augen zu. Schlachtete der Vater am Tage
zwei Schweine, dann kam er abends spät nach Hause. Jetzt musste er aber noch
die Messer abziehen (nachschärfen) und den Zecker für den nächsten Tag fertig
machen.
Wenn
unser Brot zur Neige ging und wir am Samstag backen mussten, kam am
Freitagabend der Backtrog mit Mehl hinter den Kachelofen. Das Wulgersäckla, der
getrocknete Sauerteig vom letzten Backen, wurde im Mehl zum Treiben angesetzt.
Wir Kinder waren auch hierbei von klein auf dabei und behilflich. Wenn das Brot
gebacken war und heiß aus dem Ofen kam, konnte keiner widerstehen, sich eine
Kruste vom aufgeplatzten Brot abzubrechen. Das war ein echter Leckerbissen. Das
habe ich alles in meiner Schulzeit erlebt und mitgemacht. So auch die
Seidenraupenzucht. Wahrscheinlich war das auch so ein freiwilliges Muss. Die
Kokons sollten für die Fallschirmherstellung sein. Dazu hatten wir im Wohnhaus
unter dem Dach einen Abstellraum. Die Raupen haben sich mehrmals gehäutet und
haben sich dann verpuppt. Diese Kokons lieferten wir in der Schule wieder ab.
Gefressen haben diese Raupen die Maulbeerblätter, dessen Sträucher dafür auf
dem Turnplatz gepflanzt waren. Auf diesem Turn- oder Sportplatz trieben wir von
der Schule aus und auch vom Jungvolk aus Sport. Auf dem Sportplatz war auch
eine Sprunggrube von 5 Metern. Um die 12Jahre herum war ich in Sport gut,
sodass ich beim Weitsprung einmal 5,30 m in die Maulbeersträucher sprang. Auch
im Laufen war ich gut, sodass ich bei den Jugendwettkämpfen so viele Punkte
hatte, dass ich bald 2 Siegernadeln bekam. Ja, man kann auch einmal im Leben
gut sein.
Auf
dem Turnplatz stand einmal zu einem Fest eine Rutschbahn. Davon habe ich auch
bei unseren Grünhartauer Treffen noch nie etwas gehört. Das war damals eine
Sensation auf unserem Dorf. Da konnte man außerhalb der Treppen auf einem
Gummiband hochfahren, was wenige schafften. Wer von uns Kindern Rutschmatten
wieder hoch trug, durfte dafür einmal umsonst runterrutschen. Ein Karussell,
das man noch schieben musste, war auch da.
Das
war bestimmt noch vor dem Krieg, denn im Krieg war ja auch die Verdunkelung.
Kein Lichtstrahl durfte aus Haus und Stall nach außen dringen. Wenn nicht
gerade der Mond schien, war es im Dorf wie auch in der Stadt gespensterhaft
dunkel. Nur ein kleiner Querbalken Licht schien aus den Lampen von Autos,
Motor- und Fahrrädern. Wir hatten uns daran gewöhnt und kannten nichts anderes.
Als dann der Kriegsschlager „Es geht alles vorüber“ mit dem viel versprechenden
Text gesungen wurde: „Und ist der Krieg einmal aus, kommt auch der Landser nach
Haus und zu Hause brennt das Licht, denn verdunkeln braucht man nicht.“ Was
muss das dann so schön und so hell sein dachte ich und so viele andere. Doch es
wurde für uns nach dem Krieg weder schöner noch heller, sondern das Leben immer
schlechter.
Auch
war im Krieg für Jugendliche unter 18 Jahren ein Ausgehverbot ab 21 Uhr. So wurde
1942 mein Bruder Kurt und Klose Alfons vom Gendarm nach 21 Uhr auf der Straße
angetroffen und mussten zur Strafe, ich glaube vom Bürgermeister verhängt,
Sonntagmorgens mit einem Reiserbesen die Dorfstraße kehren. Während unsere
Mutter zu Hause wegen der Schmach und Schande weinte, machten sich die zwei
einen Jux daraus und bespritzten „aus Versehen“ einzelne Fußgänger.
Auch
der Kinobesuch von Filmen ab 18 Jahren war uns nur gestattet, wenn man den
Einberufungsbefehl vorzeigen konnte. Das war aber bei mir nicht möglich. Ich
erhielt am 10.12. telefonisch über die Post und am 11.12. schriftlich die
Einberufung und musste am 12.12.44 in Cotbus sein. Da war ich gerade 17 Jahre
und 24 Tage alt, aber vorher war ich schon vom 17.10-4.12.44 beim RAD und wurde
schon militärisch ausgebildet. So fuhr mich mein Vater am 12.12. früh morgens
mit unserem Pferd und Wagen nach Warkotsch zum Zug.
Das war
meine letzte Fahrt in UNSEREM Schlesien.