Ausschnitt aus „Lebenserinnerungen“

Wehrheim

 

Vor Jahren habe ich schon meine Lebenserinnerungen angefangen aufzuschreiben und sie wurden ständig ergänzt. Der Abschnitt von Wehrheim schien mir jetzt besonders geeignet zu sein, Bekannten und Verwandten und bei Interesse auch Wehrheimer Bürgern zugängig zu machen. Heute, im Jahr 2007, habe ich manche Begebenheiten ausführlicher geschildert, um die damaligen Gewohnheiten verständlicher zu machen. Stellt bitte keine schriftstellerischen Ansprüche an meine Schilderungen, denn ich war ein Durchschnittschüler der Volksschule.

 

Erst einmal ganz kurz die Vorgeschichte:

 

        Nachdem unsere Eltern am 8. August 1946 aus unserer Heimat in Schlesien ausgewiesen wurden kamen sie und die Hälfte der Dorfbewohner in den Kreis Wesermarsch. Die Eltern wohnten beim Bauern. Sie hatten ein Bett zu zweit, einen Schrank und eine Waschschüssel. Das Zimmer war so klein, dass sie sich nur nacheinander ausziehen konnten. Das war aber damals normal für die Flüchtlingswohnungen. Die Eltern hatten es aber menschlich gut. Mein Bruder Max besuchte sie gleich einmal und sah, dass es dort wenig Existenzmöglichkeiten gab.

Am gleichen Tage der Ausweisung der Eltern kam ich, Ernst, aus russischer Kriegsgefangenschaft frei und durfte nicht mehr nach Schlesien. Ich kam auf die Insel Rügen in ein Heimatlosenlager. Nach der Quarantäne meldete ich mich als Landwirt zur Arbeit, die ich auch beim Bauern bekam. Über die Adresse unserer Verwandten in Berlin konnte ich Kontakt zu meiner Familie aufbauen. Im Dezember 1946 fuhr ich dann zu den Eltern nach Stückhausen in die Wesermarsch, wo ich wieder beim Bauern arbeitete.

Max war nach dem Krieg aus Süddeutschland  mit seinen Funkerkameraden in den Frankfurterraum gekommen, wo einige von ihnen Zuhause waren. Auch sie suchten und fanden Arbeit beim Bauern und in der Mühle in Okarben. Max suchte dann Arbeit in seinem Beruf als Fleischer und fand sie in Wehrheim in der Metzgerei Diehl. Er heiratete 1948 die Tochter Gertrud mit Sohn Robert. Da Max Wehrheimer Bürger war wurde die spätere Familienzusammenführung

möglich.

        Deutschland hatte nach dem Krieg Besatzungszonen, die man nicht ohne weiteres wechseln durfte. So war unser erster Besuch in Wehrheim 1947 noch sehr abenteuerlich. Die Fahrt von Hannover nach Frankfurt wurde in Bebra unterbrochen. Wir mussten alle ohne Gepäck den Zug verlassen. Während unsere Ausweise kontrolliert wurden, kontrollierte die Militärpolizei das Gepäck im Zug. Das geschah zwischen der englischen und der amerikanischen Zone in kalter dunkler Nacht. Ich habe im überfüllten Zug von Hannover bis Frankfurt gestanden oder auf meinem Margarinekarton (Koffer) gehockt. Bei unserem zweiten Besuch in Wehrheim 1948 zur Hochzeit von Max und Gertrud war es schon besser, wir mussten nicht mehr in Bebra aussteigen. Damit wir überhaupt in den Zug kamen, sind wir nach Bremerhafen gefahren, weil der Zug dort eingesetzt wurde. 

               

Max sein Wunsch war es, als er seine Familie wieder fand, dass wir alle wieder zusammen kommen sollten. Nun war der Tag, der 8. November 1950, gekommen da dieses geschah. Ich, Ernst Burghardt junior, kam an diesem Tage an. Die Eltern Ernst senior und Minna Burghardt kamen ein paar Tage später. Sie hatten einen kleinen Waggon mit unserem spärlichen Hab und Gut beladen. Damit wir uns in Wehrheim eine Existenz gründen konnten, hatte Max schon 30 Morgen Land für mich gepachtet. Eine kleine Hofreite hatte er auch schon in Aussicht. Sie war in der Töpferstraße und gehörte Holzbau Wagner senior. Die Verhandlungen zum Kauf gestalteten sich sehr schwierig, da drei Rechtsanwälte und der Amtsgerichtsrat König von Usingen als Gebrechlichkeitspfleger die Hand darüber hatten. Trotz anfänglichen Zusagen kam es zu keinem Kaufvertrag. Ein anderes Gehöft in der Hauptstraße von den Kolbschen Erben war 1953 unterschriftsreif, aber das dicke Ende hier später.

 

        In der Zwischenzeit mussten aber die gepachteten Äcker und Wiesen bewirtschaftetet werden. Mit dem Pferdegespann von der Metzgerei Karl Diehl zum Stadttor 15 und dessen Ackergeräten wurden meine gepachteten Grundstücke sowie auch die der Familie Diehl bestellt und geerntet. Meine Eltern und ich waren die Hauptarbeitskräfte. Wenn es beruflich möglich war, halfen auch Max und Gertrud uns sehr viel. Es war eine mühsame Arbeit ohne Hof und Scheune die Ernte einzubringen. So hatten wir zum Beispiel das Heu schon auf dem Wagen und wussten noch nicht wo wir es abladen können. Max hatte bei Scholzleikes Richard (Richard Velte) was in Aussicht, bekam dann auch die Zusage. Heute gehört das Anwesen der Familie Paul Erich Etzel. Wir luden dort 7 Leiterwagen Heu ab. Die wurden im Winter über den Landhandel Etzel Wieht verkauft. Auch bei Bäcker Mäurer, dessen Land ich auch hatte, lagerten wir Heu. Das Grummet luden wir später in Frau Reuters Scheune ab, die vor dem Stadttor rechts war. In dem Stall dieser Scheune lagerte auch unser Torf zum Brennen, den wir von Norddeutschland mitgebracht hatten, sowie Holz und Briketts für unsere Wohnung, die sich bei Friedrich Diehl am Ried 5 befand. Den Säweizen hatten wir auf einem Hausboden bei Gertruds Gote. Ich wollte mit dieser Aufzählung nur dokumentieren, was sich Max und Gertrud mit unserem Kommen aufgeladen haben. Aber auch Wehrheimer Bürger und Geschäftsleute haben mich mit ihrer Hilfe unterstützt. Saatgut, Dünger und anderes mehr bekam ich bis zur nächsten oder übernächsten Ernte geliehen. Das war ein Vertrauen, was mir durch Max und Gertrud entgegen gebracht wurde.

 

        Da wir keine Scheune hatten, haben wir alles in der Dreschhalle beim „Dreschmaschinen Karl“ gedroschen. Die Wehrheimer Bauern haben nach der Ernte in ihrer Scheune mit dem Lohndrescher gedroschen. Dazu wurden Helfer gebraucht. Auf der Dreschmaschine gab es 1,60 DM die Stunde und die Sackträger bekamen 2 DM. Da ich jeden Pfennig brauchte, versuchte ich Säcke zu tragen. Am ersten und zweiten Tag ging es noch, doch am dritten wurden die Knie weich. Danach war der tote Punkt überwunden und ich trug weiter Säcke. Um die Körner in Säcken auf den Speicher zu tragen, wurden lange schmale Säcke mit 170 bis 180 Pfund benutzt. In etlichen alten Bauernhäusern musste man auf steilen Treppen in die Knie gehen, um unter einem Durchzug (dicker Querbalken) durch zu kommen. Auch in neueren hohen Häusern wie in der Gaststädte zum Taunus gab es zwar schöne Treppen, aber sie hatten viele Stufen und oben vor dem Speicher musste man über so einen Durchzug steigen.

Der Taunus Heinrich holte mich sogar beim Milch forttragen zum Säcke tragen von der Straße und bot mir sogar noch 30 Pfennig mehr, weil die Sackträger es nicht schafften. So was behält man sich.

Auch die Dreschmaschinen wurden immer moderner. So gab es dann die Breitdrescher mit Selbsteinlage. Da brauchte man keine Garben aufbinden oder aufschneiden und dann einlegen, das heißt, in der Dreschtrommel verteilen. Man konnte zwei Bindergarben nebeneinander einfach hinein werfen. Wir zwei Sackträger begegneten uns nur noch an der Treppe, so schnell wurde gedroschen. Am Vormittag bekamen wir Sackträger schon den Geruch vom Mittagessen mit. Ich kannte das hessische Nationalgericht Wirsinggemüse noch nicht und das gab es fasst bei jedem Landwirt. Ich war dann schon vom Geruch satt. Ich konnte es lange Zeit nicht mehr Essen. Jetzt schmeckt es mir wieder.

 

        Unsere ersten lebenden Inventare für unsere Landwirtschaft waren zwei Ferkel, die wir aus Westfalen bei einem Verwandtenbesuch mitbrachten. Unser Bruder Kurt war als Soldat und in Gefangenschaft Kraftfahrer. Als er 1949 aus der Gefangenschaft kam, ließ er sich nach Wehrheim entlassen. Max und ich hatten damals noch keinen Autoführerschein. So fuhr uns Kurt bei solchen Anlässen mit dem Mercedes von Gertruds Vater. Als Kurt aus der Gefangenschaft kam, besorgte Max ihm Arbeit als Kraftfahrer bei Holzbau Wagner (Dambor Lui). Jetzt, als ich 1950 nach Wehrheim kam, besorgte mir Kurt Arbeit und den ersten Lohn von 242 DM bei seinem Arbeitgeber. Später ging Kurt zur Post als Briefträger. Dann fuhr er wieder kleine und große Postautos und sogar Omnibusse. Auch fuhr er Geldtransporte für die Post. Nebenbei machte er auch die Landwirtschaft bei Willi Velte zur Burg 11, dessen Tochter er 1951 heiratete. Leider musste seine Frau Irene schon nach 25 Ehejahren an Leukämie sterben. Kurt lebte dann noch 27 Jahre mit seiner Lebensgefährtin Leane Weber zusammen und starb 2004 im Alter von 80 Jahren.

 

        Meine Eltern und ich wohnten am Ried 5 (in der Rehgass) im ersten Stock. Der Eigentümer des stillgelegten Bauernhofes Friedrich und Dora Diehl zogen in die Pfarrmühle. Die Mutter von Friedrich  wohnte Parterre. Die Schweineställe im Hof durften wir benutzen, da kamen unsere Ferkel zum Mästen hinein. Ein Schwein wurde dann verkauft und das andere war unser Hausschlachten. Dann wurden laufend Schweine gehalten.


Im Nachbarhof in der Rehgass bei Frau Reiter, die die Gote von Gertrud war, stand noch eine Simmentaler Kuh, die verkauft werden sollte.

Hier rechts im Bild sieht man Frau Reiter vor dem Stall   - - - - -  >

Wir kauften sie und konnten im Stall stehen bleiben. Auch kauften wir von Eichhorn ein tragendes Rind und stellten es dazu. Die Scheune für Heu und Stroh und den Rübenkeller für die Futterrüben stellte Frau Reiter uns auch zur Verfügung. Wir konnten nun Milch zur Sammelstelle bringen und das Kalb vom Rind mästen. Ich will besonders erwähnen, dass wir für die Lagerung von Heu und Stroh, sowie für die Ställe keine Miete bezahlen brauchten. Bei der landwirtschaftlichen Hof- und Feldarbeit waren die Eltern die Säulen der Landwirtschaft. Außerdem konnte der Vater in seinem erlernten Beruf als Fleischer in der Metzgerei Diehl auch noch etliches helfen. Auch beim Kurt halfen sie noch ab und zu in der Erntezeit. Es war auch gut für sie eine Aufgabe zu haben. Den Schmerz und den Schock, aus ihrer Heimat vertrieben zu werden, haben sie nicht überwunden. Wir Kinder waren bei der Ausweisung nicht dabei und konnten es vielleicht deshalb besser verkraften.

 

        Ich nutzte weiterhin jede Gelegenheit noch etwas zusätzlich zu verdienen. Im Mai 1951 bekam ich durch Vermittlung meiner Schwägerin Gertrud bei Moritz Salzmann Arbeit. Er war Bauleiter bei der Firma Hochtief und baute für sich in Wehrheim ein Haus. Ich half bei allen vorkommenden Arbeiten bis zum Rohbauende. So schlecht habe ich mich scheinbar nicht angestellt, denn 1954 holte er mich wieder. Jetzt wurde für den Sohn ein Haus gebaut. Ich hatte eigentlich in der Landwirtschaft genügend Arbeit, aber er hat mir 1951 aus der Not geholfen. Da konnte ich jetzt nicht nein sagen. Wir kamen aber überein, dass ich zu wichtigen Arbeiten zu Hause bleiben kann, aber in dringenden Fällen am Bau helfen sollte. Durch Absprachen klappte es wunderbar. Ich habe dabei auch viel für mein Leben gelernt. Als wir 10 Jahre später in Seulberg Scheune und Kuhstall anbauten, haben wir durch meine Selbsthilfe am Bau 10000 DM gespart.

 

        Auch ging ich von Januar bis März in den Wehrheimer Wald. Drei ältere Herren, die auch eine kleine Landwirtschaft hatten, nahmen mich mit zu der Waldarbeit. Der eine war der „Schreubs Willi“, Willi Velte (Zur Burg 11) und Schwiegervater von meinem Bruder Kurt. Der zweite war der „Heine Heine“, Heinrich Etzel, der Bruder meines späteren Schwiegervaters. Der dritte war Karl Diehl, „iss Bolzi“. Nicht zu verwechseln mit „Diehle Karl“ von meinem Bruder Max der Schwiegervater oder dem Karl Diehl, dem „Dreschmaschinen Karl“. Deshalb die vielen Unnamen.

Die drei brachten für die Waldarbeit die Erfahrung und die Werkzeuge mit, ich dafür meinen jugendlichen Arbeitsmut. Karl und ich sägten die Bäume mit der Trumsäge ab. Eine schwere, aber auch eine Maßarbeit im Wald, denn manchmal musste der Baum genau in eine Lichtung fallen, um auf die Erde zu kommen. Karl war für mich ein guter Lehrmeister. Er schärfte auch selbst die Sägen, denn scharfe Äxte und Sägen waren die halbe Arbeit. Heine machte mittags meistens das Feuer an, denn das Essen im Kochgeschirr wurde dann warm gemacht. Auch hatte jeder eine kleine Pfanne zum Eier backen mit. Wenn dann das Fett im Feuer verbrannte oder die Pfanne umkippte, dann gab es von den anderen ein schadenfrohes Gelächter.

Es gab auch Regen- oder Schneetage, an denen man nicht arbeiten konnte. Dann setzte man sich an das Feuer und trocknete seine Sachen, denn einen trockenen Unterschlupf gab es nicht. Bei guter Laune wurde dann auch mal ein Lied angestimmt, wie zum Beispiel „Du hast mir die Liebe versprochen“ u.v.m., die dann auch auf den Maskenbällen gesungen wurden. Dies hatte in zweierlei Hinsicht etwas Gutes. Erstens hatte ich bei dieser Gelegenheit die Lieder gelernt und zweitens, wären wir nach Hause gegangen, hätten wir kein Schlechtwettergeld bekommen.

Zu der Waldarbeit musste man öfters ein paar Kilometer weit laufen. Die Manschesterhosen durften nicht gewaschen werden. Der Harz und der Dreck waren der beste Kälteschutz. Ja, das musste man alles erst lernen. An meinem letzten Tag im Wehrheimer Wald waren wir gegenüber der Lochmühle. Bis Mittag waren wir fertig, dann wurde Feuer angemacht und es hieß: „Ernst, hole mal eine Flasche Schnaps vom Lochmühlenkiosk.“ Es blieb nicht bei der einen, denn es wurde noch ein bisschen Abschied gefeiert.

        Am gleichen Ort gab es auch schon einmal einen Unfall. Karl fiel rückwärts von einem liegenden Baumstamm auf einen Baumstumpf. Wie es sich später herausstellte, waren 11 Rippen  gebrochen oder angebrochen. Notarzt oder Hubschrauber waren noch nicht aktuell. Wir haben Karl schrittweise ganz langsam heimgeführt, da er keine Luft mehr bekam. Die erste Reaktion seiner Frau war: „Um Gotteswillen, wer soll denn jetzt die Arbeit machen?“ Karl in aller Ruhe: „Es geht auch ohne mich weiter!“

Die Waldarbeit war eine schwere, aber trotzdem eine schöne und vor allem eine lehrreiche Zeit für mich.

 

        In den ersten Tagen in Wehrheim lernte ich einen guten Kumpel kennen. Es war Ernst Reiter, der Cousin meiner Schwägerin Gertrud. Er war ein beliebter Wehrheimer Bürger mit Humor und einem großen Bekanntenkreis. Durch Ernst bekam ich schnell Anschluss an die jüngere Generation. Da er Schreiner war, zimmerte er uns in die kleine Wohnküche passend ein Mehrzweckbett. Bei Tage war es hinter dem Tisch eine Sitzgelegenheit und nachts kamen die Betten darauf, in denen ich schlief. In unserem Schlafraum hatten nur die Betten der Eltern platz. Trotzdem war es für damals wohl klein, aber fein.

Hier im Bild das Sportfest 1951 - >

Im Hintergrund das Wehrheimer Rathaus.

Es war nicht nur bei uns, sondern im Allgemeinen wenig Geld vorhanden. Trotzdem wurde die ganze Nacht durch, aber doch sparsam gefeiert. In Wehrheim wurden noch Maskenbälle in zwei Sälen, die gegenüber lagen, mit einer Mark Eintritt gefeiert. Von 20 bis 24 Uhr spielten die Kapellen ununterbrochen. Vorwiegend maskierten sich die Frauen und Mädchen, sodass man, als Mann im bevorzugten Alter, nicht zum Sitzen kam, höchstens in der Liebeslaube unter der Bühne. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Beim ersten Feuerwehrmaskenball wurde ich Mitglied der Feuerwehr. Das war als Landwirt Ehrensache. Auch gab es landwirtschaftliche Bälle. Bei dieser Gelegenheit kam ich mit der Jugend beiderlei Geschlechts schnell in Kontakt. Wenn man dann mit einem Mädchen nach Hause ging, aber höchstens bis zum Hoftor, und die Mutter schon hinter dem Vorhang stand, bekam die Tochter anschließend eine Gardinenpredigt zu hören. Sie sollte sich doch einen reichen Bauernsohn und nicht so einen armen Flüchtling wie mich anlachen. So war es in dieser Zeit, damit musste man Leben.

 

        Die Jugend unter sich machte kaum einen Unterschied zwischen Einheimischen und „Flüchtlingen“. So wurden wir genannt. Wir waren aber eigentlich Vertriebene. Flüchtlinge waren die Eltern, als sie vor den russischen Truppen geflohen sind, aber nach dem Krieg wieder nach Hause kamen. Trotzdem werden wir Flüchtlinge genannt und ich will auch bei diesem Begriff bleiben. Die polnische Miliz enteignete die Deutschen und wies sie aus. Sie nahmen ihnen sogar noch am Bahnhof die besten Sachen ab. Etliche der polnischen Bevölkerung brachten den Deutschen sogar noch Essen und Trinken und wurden von der Miliz behindert. Dass die ausgewiesenen Deutschen dann im Westen nicht den besten Eindruck hinterließen war doch klar. Es schmerzte uns trotzdem sehr, wenn in Debatten und Erregungen „Zigeunerpack“ zu uns gesagt wurde. Das war aber selten der Fall.

 

        Ich wurde, wie schon erwähnt, in Wehrheim unterstützt, eine landwirtschaftliche Existenz zu Gründen. Mein erstes Saatgut, sowie den Dünger habe ich anstandslos vom Landhandel Etzel - Wieht bekommen und brauchte die Schulden erst nach der Ernte zu bezahlen. Max und Gertrud haben besonders viel für uns getan und uns unterstützt. In meinen Festschriften an Geburtstagen habe ich diese Zeit immer wieder in Erinnerungen gerufen.

 

        Am ersten Abend, an dem ich in Wehrheim war, hatten meine Brüder ihren Skatabend und ich wurde eingeweiht. Meine Brüder und noch drei weitere männliche Personen zählten zu der Gruppe. Die Frauen gingen meistens mit und strickten dabei. Das Hessengetränk „Apfelwein“ aus eigener Herstellung war das Getränk überhaupt. Es wäre ein gutes „Stöffche“ und schmecke dieses Jahr besonders gut, sagten sie. Beim ersten Schluck blickte ich erst mal in die Runde und dachte: „Wollen die mich am ersten Tag schon vergiften?“, so sauer war das Zeug. Ich gewöhnte mich auch noch an dieses Getränk, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

 

        Mein zweiter Versuch, eine Hofreite zu kaufen, scheiterte wieder. Ich hatte ja ein Aufbaudarlehen beantragt. Alle erforderlichen Formalitäten waren erfüllt, doch es gab noch ein Problem. Die Herren vom Kulturamt sagten, ich müsse verheiratet sein, denn die Schuldscheine können nur auf Eheleute ausgestellt werden. Wenn ich in drei Monaten verheiratet wäre, leiteten sie den Antrag in die Wege.

 

Ich stellte folgenden Antrag:

Ich bitte um Gewährung eines Aufbaudarlehns zur Sesshaftmachung in Wehrheim.

Von den Erben Kulb beabsichtige ich die Hofreite Hauptstraße 11 zu kaufen.

Zwei Milchkühe sind vorhanden.

Für totes und lebendes Inventar benötige ich folgende Summe............. 4570DM

Erwerb der Hofreite...............................................................................    14500DM

Für Reparaturen.....................................................................................   . 6500DM 

 

Der Kostenvoranschlag für die Reparaturen von Architekt Rudolf Kutt kostete   20 DM.

 

        Wie in jedem Jahr, so war auch im Oktober 1953 in Wehrheim Kerb, an der ich auch teilnahm. Mit den Mädchen, die ich schon kannte, tanzte ich öfters. So auch mit einer Freundin mit dem Namen „Lydia“, die sie mitbrachten. Am nächsten Tag beim Milch abliefern sagte ein Bauer Kohlas (Benz) zu mir: „Du hast ja gestern ein Bauernmädchen von Seulberg kennen gelernt, die haben auch zwei schwere Gäule.“ Ja, so war es auf dem Land. Dass die neue Unbekannte „Lydia“ hieß und mit den anderen Mädchen in die Landwirtschaftsschule gegangen ist, war mir bekannt. Dass Lydias Vater aus Wehrheim stammte und deshalb die Familie hier bekannt war, erfuhr ich später auch.

 

        An Weihnachten 1954 haben wir uns verlobt. Die Verlobungen wurden vorwiegend im Freundeskreis der jungen Leute gefeiert. Tortenplatten und Schaufeln, sowie Blumenvasen waren die traditionellen Geschenke. Unsere Ringe liegen heute noch wie neu im Kästchen. Ich durfte im Wald sowieso keinen tragen und für Lydia war er bei der Arbeit auch hinderlich. Da ich die Landwirtschaft in Wehrheim auflöste, wollte ich mir eine andere Arbeit suchen. Und weil es in Seulberg in der Landwirtschaft genug Arbeit gab, sollte ich nach Seulberg kommen, um zu helfen. Aus allgemeiner Erfahrung sagte ich: „Erst nach der Hochzeit“. Also wurde der Hochzeitstermin auf den 09. Juli 1955 festgelegt. Das war noch vor der Ernte und 4 Wochen nach Lydias 20. Geburtstag. So bin ich von Schlesien über Wehrheim nach Seulberg gekommen Vom Erlös der aufgegebenen Landwirtschaft kaufte ich mir 2x12 ar Ackerland.